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© Bertram Nisseler
Der Rabe
© Bertram Nisseler
Wie wunderbar es doch ist, wenn es schneit! Ich sitze am Fenster, an meinem Schreibtisch und schaue auf die dicken Schneeflocken, die unablässig vom Himmel fallen. Manchmal treiben sie gleichmäßig ruhig vorbei, manchmal jagen sie wie eine aufgeschreckte Herde Schafe in wildem Galopp über die abgeerntete Fläche unseres Gemüsegartens - ich kann mich nicht satt sehen an diesem weißen Treiben.
Wir haben Mitte November. Tage an denen es schneit oder an denen die Sonne scheint gehören zu den willkommenen Ausnahmen in dem sonst so neblig-trüben Monat. Gestern war und heute ist so ein Ausnahmetag. Ich fühle mich leicht, seltsam berührt von den schwebenden Flocken. Ihr luftiges Wirbeln, Gleiten und Segeln scheint sich in meinem Kopf fortzusetzen. Meine Gedanken folgen ihrem Flug. Sie verweilen an keinem düsteren Ort für länger. Sofort werden sie von einem sanften Wind weggetragen und segeln über helle, lichte Landschaften. Vielleicht sind die sanft gewellten Hügel der Toskana dabei oder die sonnenverbrannten Graslandschaften Andalusiens. Auf jeden Fall dringt das Licht und die Wärme dieser Gegenden in mein Herz und läßt mich leichter Atmen.
Natürlich besuchen die Gedanken auch dunkle, kalte Eishöhlen im hohen Norden. Doch selbst deren kalte Kristalle verbreiten ihr klares Licht in mir und lassen die Kälte ihres Glanzes vergessen. Draußen haben sich die dicken Flocken inzwischen in sehr dünne weiße Punkte verwandelt. In einem dichten Schleier treiben sie übers Land, versperren einem den genauen Blick und zeichnen alle harten Konturen weich. Der sonst so graue Novembertag hat seine Härte verloren. Hinter diesem weichen Weiß möchte ich verschwinden, um eine neue zauberhafte Welt zu entdecken. Ein Reich der Phantasie, das, obwohl es nicht in der Realität zu finden ist, genauso wirklich ist wie sie. Bisher habe ich nur an seine Tore geklopft. Sie sind nur an diesen ganz besonderen Tagen, wie heute einer ist, zu finden. Was dahinter ist weiß ich nicht, dennoch habe ich eine Ahnung von den unaussprechlichen Dingen, die dort ihre Heimat haben.
In unserem Garten, auf den kahlen Zweigen des großen Kirschbaums, sitzt ein großer schwarzer Rabe und krächzt mit Macht dem Schnee entgegen. Je länger ich ihn betrachte, desto mehr verschwimmen die Konturen seiner Gestalt. Das Vogelhafte seines Aussehens wandelt sich langsam in etwas anderes - aber in was? Weder Mensch noch Tier, weder Baum noch Stein. Es ist vielmehr etwas von allem. Ein Fabelwesen, das ich nicht genau zu beschreiben weiß, außer, das es von einem tiefen, blauglänzenden Schwarz ist. Plötzlich hält das Rabenwesen in seinem Krächzen inne, wendet jäh den Kopf und schaut mir, mit fragendem Blick, genau in die Augen. "Hast du mich erkannt?" scheint es zu fragen. "Weißt du, daß ich der Wächter zu der anderen Welt bin, nach der du dich so sehr sehnst?" Voll Schrecken springe ich von meinem Schreibtisch auf, reibe mir die Augen und starre erneut auf den schwarzen Raben im Geäst.
Mittlerweile hat es stärker zu schneien begonnen. Die dicken weißen Flocken schweben gleichmäßiger zu Boden. Hinter dem Vorhang von fallendem Weiß droht die Gestalt des Raben zu verschwinden. Irgend etwas in mir will dies nicht zulassen, will den Raben an seinen schwarzen Schwanzfedern festhalten, um mitgenommen zu werden - wohin auch immer. Doch eine andere Stimme in mir ruft: "Laß ihn gehen, es ist nur ein Vogel im Winter, verlasse dein warmes Zimmer nicht, hier bist du sicher und zufrieden". Was ich mir da wieder alles zusammenreime! So ein Blödsinn! Ich sollte Vormittags nicht so müßig vor dem Fenster sitzen und in den Garten schauen. Ein letztes mal suche ich nach seinem schwarzen Körper zwischen den weißen Flocken, um mich zu vergewissern, daß es nur ein Vogel ist. Zunächst sehe ich keine Spur von ihm, doch dann verändert sich etwas im Geäst des Kirschbaums. An der Stelle, wo der Rabe gesessen hat, beginnt die Luft seltsam zu flimmern. Es ist, als ob sich das Schwarz des Rabens mit dem Weiß des Schnees zu einem Flimmern auflösen würde, wie man es auf dem Fernseher nach Sendeschluß beobachten konnte, damals, als es nur wenige Programme gab und diese nicht rund um die Uhr sendeten. Entweder habe ich gerade Kreislaufprobleme oder da draußen ist wirklich etwas Seltsames im Gange. Ich will Gewißheit.
Schnell ziehe ich mir meine Stiefel und den warmen Wintermantel an und setze mir auch noch meine rote Mütze auf. Ich verlasse die warme Wohnung und trete in das Schneegestöber hinaus, das jetzt immer stärker wird. Mit Mühe finde ich den alten Kirschbaum im Garten, so dicht jagen mittlerweile die Flocken durch die Luft. Am Stamm des Baumes steht immer noch die Leiter angelehnt, mit deren Hilfe ich im Spätsommer die erste Hürde zu den leuchtend roten Kirschen genommen habe. Ich steige auf der Leiter in die Höhe, was gar nicht so einfach ist, da die Tritte voll Schnee liegen und sehr rutschig sind. Meine Hände, die ebenfalls in die schneebedeckten Tritte fassen, werden kalt. Trotz der Anstrengung fröstelt es mich, doch je näher ich der Stelle mit dem Raben komme desto wärmer wird mir. Komisch, kann das sein, daß ein paar grüne Blätter und einige rote Kirschen sich immer noch hartnäckig auf dem Baum halten? Und, waren das nicht eben Blüten, an dem Ast direkt vor mir? Der Schweiß läuft mir jetzt über das Gesicht. Im hellen Sonnenschein muß ich die geblendeten Augen zukneifen. Über mir nichts als blauer Himmel. Träume ich?!
"Da bist du ja endlich", höre ich eine Stimme über mir krächzen. Es ist der Rabe und obwohl er noch wie ein Vogel aussieht, weiß ich, daß er mehr ist - aber was? Eine Antwort kommt prompt: "Schon oft bin ich an deinem Fenster vorbeigeflogen und habe in deinen traurigen Augen gelesen, daß du unglücklich bist. Ich wußte, warum du dich oft wie ein Fremder gefühlt hast, selbst unter Freunden, die dir nahe stehen. Es ist dein unbewußtes Wissen von der `anderen Welt´, das dir keinen Frieden gibt. Warum gehst du wohl so gerne in der Abenddämmerung spazieren? Und warum bist du wohl immer froh, wenn eine Sache beendet ist und die nächste noch nicht begonnen hat? Es ist, weil du in diesen Zwischenzuständen - weder Tag noch Nacht, weder Ende noch Anfang - die Tür zu der anderen Welt gesucht hast. Aber bisher war für dich die Zeit nicht reif, danach zu fragen." War ich verrückt geworden? Ich sitze schwitzend im Winter in einem von Blütenduft und schwirrenden Bienen belebten Kirschbaum und höre dem Gekrächze eines neunmalklugen Raben zu? "Was soll ich jetzt machen?" frage ich den frechen Federwisch. "Soll ich nach unten steigen, damit ich wieder im Winter bin, nicht mehr schwitze und die Welt wieder in Ordnung ist oder soll ich vielleicht weiter nach oben steigen, um weiß Gott in welcher Jahreszeit zu landen?" "Du bist hier," antwortet der Rabe darauf, "ein Zurück gibt es nicht mehr. Selbst wenn du von dem dicken Ast, auf dem du stehst, abspringen würdest, fielest du nach oben. Nur nach oben geht dein Weg, also folge mir!"
Kaum ausgesprochen, hüpft er von einem Zweig auf den andern in Richtung Gipfel. Ich folge ihm, zuerst nur mit meinem Blick und bin erstaunt, daß das Ende des Baumes nicht mehr zu finden ist. Unendlich scheinen sich die Äste und die mit grünen Blättern bewachsenen Zweige in den leuchtend blauen Himmel fortzusetzen, wobei ich nicht mehr so genau weiß, wo Oben und Unten ist. Ich habe jede Sicherheit meiner Wahrnehmung eingebüßt, zumindest was die äußere Umgebung angeht. Sicher scheinen nur ich selbst, der Rabe, und eine sich im Fluß befindliche Welt zu sein.
Nach einer Weile des Kletterns schält sich aus der dynamischen Umgebung eine feste Form. Wir befinden uns jetzt in einem großen Raum, er öffnete sich immer mehr in Richtung Horizont. Tatsächlich, die geographische Ordnung scheint hier wieder zu stimmen. Es gibt wieder ein Unten und ein Oben. Ich glaube mich in einer Kathedrale zu befinden. Warmes Sonnenlicht umflutet in schrägem Fall riesige Säulen, oder sind es etwa Bäume? Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Szenario eher einem hohen Buchenwald oder einer gotischen Kathedrale entspricht. Es ist organisch und architektonisch zugleich. Das warme Licht stimmt mich freundlich.
Erst jetzt erkenne ich eine große hagere Gestalt, die in eine schwarze Kutte gehüllt ist. Sie geht auf mich zu, ohne daß ihre Füße den Boden berühren. Unter der Kapuze, im Halbdunkel, lächelt ein vogelhaftes Antlitz mir entgegen. Natürlich, es ist der Rabe. "Wir müssen noch etwas warten", sagt er zu mir. "Wieso und wie lange?" frage ich zurück. "Wahrscheinlich weißt du nicht wo wir uns befinden. Dies ist ein Teil des Zwischenreichs, erst wenn sich das große schwarze Tor öffnet, kommen wir weiter", antwortet mir die schwarze Erscheinung. "Welches Tor?" frage ich, "ich sehe keines". Nicht mal ein Ende des Raumes kann ich erkennen. "Das Tor, das die Welt des Chaos und der schicksalhaften Zufälle draußen hält. Du siehst es nicht, weil du es schon lange tief in dir versteckt hast." Naja, denke ich, eigentlich gefällt es mir hier sehr gut. Es ist warm, hell und gemütlich, und daß die wenigen Gegenstände hier keine Schatten werfen, was mir erst auf den zweiten Blick auffällt, stört mich nicht weiter. Genaugenommen will ich hier bleiben. Wenn es hier schön hell ist, dann kann es draußen doch nur dunkel sein und wer hat schon Lust auf Chaos? Nein danke, das Tor kann mir gestohlen bleiben! Die schwarze Gestalt muß wohl meine Gedanken gelesen haben. "Das dachte ich mir schon, Feigling, Träumer, träger Mensch", beschimpft sie mich mit ihrer krächzenden Stimme. "Zum Glück hast du ja mich an deiner Seite, sei bereit!"
Kaum ausgesprochen, verwandelt sich seine Gestalt abermals. Sie wird höher und breiter, bis ich schließlich ein großes, schwarzes Tor aus Federn und Knochen, das mitten im Raum steht, vor mir sehe. Der Torknauf hat die Form eines Schnabels, der auch prompt zu sprechen beginnt. "Was ist los, stehle mir nicht die Zeit, drücke mich und tritt endlich ein. Es gibt kein Zurück." Also fasse ich mir ein Herz und drückt den Knauf: Er fühlt sich kühl und hart wie Elfenbein an. Langsam schiebe ich das große, schwere Tor auf. Die schwarzen Federn wiegen sich eigenartig in dem jetzt immer stärker werdenden Luftzug, der mir von der anderen Seite her entgegen streicht.
Ich trete aus dem Schatten des Federntores. Die ersten Eindrücke, die auf der anderen Seite auf meine Sinne einstürmen, sind für mich unaussprechlich. Ein Konglomerat von physikalischen Reizen scheint mich zu umfangen. Ich bin verwirrt, orientierungslos. Der Lärm von tausend Großstädten begräbt mich, tausend Stimmen sprechen zu mir, tausend Hände greifen nach mir. Ich drohe vor Überforderung zusammenzubrechen. Schnell will ich zurück durch das Tor, um in der Beschaulichkeit der lichtdurchfluteten Kathedrale zur Ruhe zu kommen, aber das schwarze Tor ist nirgendwo mehr zu finden. Ich versuche einige Schritte zu gehen. Die Eindrücke der Umwelt haben sich jetzt zu einer zähen undifferenzierten Masse reduziert. Ich gehe wie durch eine Welt voll Gelatine. Wo ist der Rabe? Dieser blöde Vogel, der mir den ganzen Schlamassel eingebrockt hat! So sehr ich dieses garstige Federvieh verabscheue, so sehr sehne ich mich jetzt nach ihm. Ich will so schnell wie möglich weg aus diesem Chaos, bevor es mich zu verschlingen droht. Ich schließe meine Augen und versuche dadurch die Außenwelt einfach auszuschließen.
Da höre ich überraschend eine Stimme, die aus der Tiefe meines Inneren hochzusteigen scheint. "Na, gefällt es dir hier an diesem gemütlichen Ort?". Es ist der Rabe, aber wie kann es sein, daß er auf einmal in mir ist, als ob mein Innerstes nur ein für ihn beliebig begehbarer Ort wäre? "Wo hast du mich nur hingeführt, du schrecklicher Flattermann. Ich werde mich hier verlieren!" rufe ich in mich. "Hab keine Angst" antwortet er darauf. "Leider kann ich in dieser Welt nicht existieren. Ich bin schwarz und in dieser Welt sind alle Farben, Formen und Töne gleichzeitig und überall, also wäre ich dort nur ein Teil von allem, ohne unverwechselbar ein Rabe zu sein. Du hast recht wenn du Angst hast. Dein Gefühl, in einer zähen Masse gefangen zu sein, ist richtig. Diese Masse, die Außenwelt, zieht an dir, möchte dich auflösen und aufnehmen. Der Lärm, den du hörst, das ist das Wehklagen der Welt über einen Fremdkörper, der ihre Harmonie stört."
Immer mehr steigt die Angst in mir empor. Schon beginnen sich die Umrisse meines Körpers langsam aufzulösen. "Hilf mir bitte, Rabe! Führe mich hier heraus" rufe ich jetzt eindringlich in mich. "Jammere mich nicht so kindlich an" höhnt dieser blöde Vogel. "Hast du nicht bemerkt, daß, seit wir mit unserer kleinen Konversation begonnen haben, die Welt um uns herum zunehmend in Bewegung gerät".
Ich öffne meine Augen und nehme die Hände von meinen Ohren. Und tatsächlich, mit jedem Wort das wir sprechen löste sich eine Farbe aus dem vorher alles umgebenden Schwarz, ein Ton aus dem alles umgebenden Lärm, eine Stimme aus dem Geschrei, ein Geruch aus dem Gestank, eine Berührung aus dem Zerren und Schieben. Der zähe Brei von Eindrücken bekommt durch unsere Unterhaltung zunehmend Form und Gestalt. Jetzt erkenne ich auch, daß wir uns wieder in so etwas wie einem hohen Wald befinden. Um uns rennen unzählige Menschen und Tiere in die verschiedensten Richtungen. Wortfetzen dringen an mein Ohr, Lachen und Weinen vernehme ich. "Dieser Wald ängstigt mich!" rufe ich dem Raben in mir zu. "Dann verlasse ihn halt einfach", ist seine dumme Antwort. So wandere ich immer geradeaus, in der Hoffnung, sein Ende bald zu erreichen. Nach einiger Zeit, wird es zwischen den Bäumen etwas lichter. Endlich, ich habe ich den Rand des Waldes erreicht. Aus seinem Schatten sehe ich in der Ferne ein Tal, in dem sich ein kleines Dorf befindet. In den Fenstern der Häuser leuchten die ersten Lichter auf. Die ruhige Einsamkeit der Kathedrale und die lärmende Einsamkeit der undefinierbaren Masse haben die Sehnsucht nach anderen Menschen in mir erweckt.
Ich wandere durch vom Abendtau feuchte Wiesen auf die Siedlung zu. Es muß hier wohl Sommer sein, denke ich, denn es ist trotz des Abends noch nicht zu kühl; außerdem entdecke ich ein Weizenfeld, das in voller Reife steht. Der würzige Duft der feuchten Ähren läßt mich tief durchatmen. Vom Raben, meinem schicksalhaften Begleiter, sehe und spüre ich nichts. Langsam legt sich die Nacht auf das Tal. Von weitem bellt beständig ein Hund durch das stille Land. Ich erreiche das erste Haus und schaue neugierig durch das Fenster in die hell erleuchtete Stube. Drinnen sitzt um einen großen Tisch eine fünf-köpfige Familie beim Abendessen. Ich klopfe vorsichtig an die Tür, langsam wird sie geöffnet. Der Kopf eines kleinen Jungen erscheint. Als er mich erkennt lächelt er sofort und ruft ins Stubeninnere: "Es ist der Onkel!"
Ich trete etwas verwundert ein. Ich kenne diese Menschen nicht, habe sie nie vorher gesehen. "Du hast dich aber rar gemacht, in der letzten Zeit! Schön, daß du mal wieder vorbeischaust! Setz dich doch, du hast bestimmt Hunger!" stürmen die Worte des Vaters auf mich ein. Kaum sitze ich am Tisch bekomme ich auch schon einen Schöpflöffel heißer Suppe in meinen Teller eingeschenkt. Der kleine Junge mit dem blonden Haar und den blauen Augen, der mich hereingelassen hat, setzt sich auf meinen Schoß und behindert mich beim Essen. Die Mutter schimpft ihn natürlich dafür, aber er hört ihr nicht zu. "Was hast du die ganze Zeit gemacht?" fragt sie mich. Der warme Klang ihrer Stimme, ihr Aussehen, beides scheint mir seltsam vertraut, obwohl ich weder sie noch den Rest der Familie je gesehen habe. Es wird ein schöner Abend. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, was für mich etwas schwierig wird, da ich nicht mehr so genau weiß, was denn nun die wahre Welt ist, geschweige denn Gott. Es muß wohl schon so gegen Mitternacht sein, als ich mich an der Tür recht herzlich von ihnen verabschiede. Im Gehen ruft der Vater mir noch nach, ich solle auch die anderen Bewohner des Dorfes noch besuchen, sie würden sich bestimmt ebenfalls freuen.
Ich spaziere auf der dunklen Straße weiter in das Dorf hinein. Am nächsten Haus vernehme ich das Summen einer lieblichen Stimme - sie zieht mich magisch an. Vorsichtig klopfe ich auch an diese Tür. Das Summen verstummt. Es dauert eine Weile, bis sich die Tür vorsichtig öffnet. Im Halbdunkel erkenne ich die Gestalt einer jungen Frau mit langen schwarzen Haaren. Ohne ein Wort zu sagen nimmt sie mich in die Arme und drückt ihren jungen Körper zärtlich an den meinen. Ich rieche ihr Haar, fühle ihre weichen Wangen und spüre ihren warmen Atem. Wortlos trete ich ein.
Glücklich, wie ein junger Bursche, verlasse ich am nächsten Morgen das Haus, für kurze Zeit nur, denke ich, denn von ihr möchte ich mich nicht mehr trennen. Im Verlaufe des Tages besuche ich alle Häuser des Dorfes. Zwar bin ich nicht überall gleich willkommen, jedoch bin ich allen Bewohnern bekannt, obwohl ich mich auch jetzt noch nicht erinnern kann, auch nur einen von ihnen jemals gesehen zu haben, weder die Lehrerin in der Schule, noch die Männer in der Werkstatt oder die Menschen in der Kirche. Trotz des Heimatgefühls, das ich hier habe, bin ich ziemlich verwirrt. In diesem Zustand trete ich aus dem letzten Haus des Dorfes, bereit, wieder zu der liebevollen jungen Frau zurückzukehren, als ich etwas entfernt vom Dorfrand, auf einer Anhöhe, eine Hütte entdecke. Ich entschließe mich, auch dort noch kurz vorbeizuschauen.
Nur ein ermattendes Licht dämmert durch ein kleines Fenster der Hütte. Auf mein Klopfen reagiert niemand. Vorsichtig drücke ich etwas gegen die Eingangstüre, sie gibt knarrend nach. Der Raum, in den ich gelange liegt im Halbdunkel. Ein Tisch, ein Stuhl und ein altes Bett sind die einzigen Möbel. Das spärliche Licht stammt von dem verlöschenden Feuer im offenen Kamin. Ich fühle mich immer unwohler. In der hintersten Ecke der Kammer entdecke ich eine schwach silbern schimmernde Fläche. Als ich auf sie zugehe, erkenne ich in ihr einen Spiegel und darin die seltsam fremden Umrisse meines näherkommenden Körpers. Mit jedem Schritt wächst ein unaussprechliches Grauen in mir. Die Gestalt im Spiegel bewegt sich schleppend, wie ein alter Mann. Jetzt kann ich mein Gesicht darin erkennen. Es ist das bleiche Antlitz eines Toten. Voller Panik ergreife ich die Flucht, renne so schnell und so weit wie möglich fort. Aber insgeheim weiß ich, seinem Spiegelbild kann man nicht entkommen. Im Laufen rufe ich: "Rabe, Rabe, bitte hilf mir!" Ich kann schon keine Richtung mehr erkennen, es wird immer dunkler, so sehe ich die tiefe Schlucht, die vor mir liegt, viel zu spät. Ich falle, falle, unendlich lang, unendlich tief!
Zuerst ist da nur Dunkelheit um mich, dann löst ein dunkel samtenes Violett das tiefe Schwarz auf und weicht wiederum einem dunklen Blau, das sich zunehmend aufhellt und von grünen und weißen Punkten durchzogen wird. Ich pralle gegen Äste und gleichzeitig spüre ich zwei mächtige Krallen an meiner Schulter - es ist der Rabe. Sanft bremst er meinen Fall. Ich bin wieder im alten Kirschbaum, in meinem Garten. Erleichtert atme ich auf und schaue durch das Fenster meines Zimmers. Leblos, über den Schreibtisch gebeugt, liegt dort der Körper eines alten Mannes - es ist mein Körper. Das Einzige was mich jetzt davon abhält verrückt zu werden, ist die Anwesenheit des Raben, der mir bisher aus jeder Klemme geholfen hat. "Was soll das alles?" frage ich ihn. "Ich lebe doch, aber wer oder was liegt dann da in meinem Zimmer?" "Kannst du dich erinnern, daß ich dir vor unbestimmter Zeit in diesem Baum gesagt habe: `Folge mir, es gibt kein Zurück.´ Du willst wissen ob du lebst oder nicht. Deine Seele lebt, sie war es, die ich durch das Zwischenreich von Leben und Tod führen mußte. Dein Körper ist gestorben. Hab keine Angst, bald ist deine Reise zu Ende. Steig auf meinen Rücken, dann bringe ich dich nach Hause."
Noch zögere ich, will glauben, daß alles nur ein böser Traum ist. Selbst das Horn des nahenden Rettungswagens beeindruckt mich nicht. Erst als ich, wiederum durch das Fenster meines Zimmers, den Notarzt und die Sanitäter meinen zugedeckten alten Körper auf die Trage legen sehe, begreife ich die ganze Wahrheit. Ich steige auf den Rücken meines Freundes und halte mich an seinen weichen Federn fest. Trotz all des Schreckens fällt eine unendliche Last von mir und mein Herz, wenn eine Seele ein solches besitzt, wird gelassen. "Fliege mein Freund, bring mich wohin auch immer. Ich vertraue dir", rufe ich dem Raben zu. Seine Flügel beginnen mächtig zu schlagen. Wir verlassen den Kirschbaum und verschwinden langsam im unendlichen Blau des Himmels.
Als die Männer den Leichnam des alten Herrn aus dem Haus trugen, schüttelte plötzlich eine Böe die Zweige des mächtigen Kirschbaumes. Aus seinen Ästen wirbelte eine große Wolke von Blüten auf sie zu und hüllte sie für kurze Zeit ein. Die weißen Blüten tänzelten um die Träger, wie die ersten Schneeflocken des neuen Winters.