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Das kalte (?) Herz

© Kathrin Günther

   Als sie das Vorzimmer betritt, überfällt sie als erstes sofort dieses schreckliche Gefühl, daß es nunmehr kein Zurück mehr gibt. Dieses Gefühl, dem Schicksal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Der irreale Gedanke, daß die Krankheit nur auf diese ihre Entscheidung gewartet hat, hierher zu kommen, um überhaupt vorhanden zu sein; daß, wenn sie Zuhause geblieben und einfach den Kopf unter die Bettdecke gesteckt hätte, um nichts zu hören und nichts zu sehen, auch nichts hätte vorhanden sein und nichts hätte entstehen können. Dann der panische Gedanke: "Lauf, mach auf dem Absatz kehrt, bevor es zu spät ist!"

   Doch es ist bereits zu spät. Die Arzthelferin hinter der hohen, weißen, sterilen Theke - man sieht nur ein Paar grell geschminkte Augen und einen blonden Haarschopf darüber ragen, über dem das Schild "Anmeldung" wie an unsichtbaren Fäden schwebt - hat sie bereits gesehen. Arzthelferinnen dieses Schlages beurteilen ihre Patienten in erster Linie nach zwei Kriterien: Männlich oder weiblich. Ist ersteres der Fall, wird die lächelnde Maskierung gewählt, mit den Augen gezwinkert, eine Reihe blendend weißer, mit Zahnseide gereinigter Zähne entblößt und freundlich und zuvorkommend nach Name, Termin und Krankenkasse gefragt. Ist dagegen letzteres der Fall, wird auf solches keine Energie verschwendet, sondern lieber darauf, sich noch ein kleines Weilchen genießerisch mit dem Kaugummi im grellroten Mund zu beschäftigen und gleichzeitig mit wichtig-gelangweilter Miene in den Karteikarten zu kramen - Frauen sind ja bekanntlich geduldig im Warten, nicht wahr? - bevor man sich herabläßt, den ungebetenen Eindringling mit einem kurzen Blick und einem ebenso kurzen "Bitte?" zur Kenntnis zu nehmen.

   Diese Dame hinter der Anmeldung macht natürlich auch nicht die berühmte Ausnahme von der Regel, nur unterläßt sie endloses Kaugummikauen, währenddessen ein unauffälliges Entkommen noch möglich gewesen wäre, sondern spießt den - leider weiblichen - Neuankömmling mit Blicken auf und spritzt ihr das "Bitte?" förmlich entgegen. Name? Hat sie einen Termin? Die Karte von der Krankenkasse? Was, hat sie nicht dabei? An so etwas denkt man doch gefälligst! Verletzung des ersten Gebots, wenn man eine Arztpraxis betritt! Bedeutet natürlich zur Strafe erst mal einen ganzen Rattenschwanz von Formalitäten. Und von bösen Blicken!

   Das Herz, diese verrückte, ständig rasende, ihren Takt verlierende Pumpe, macht sich wieder bemerkbar und mahnt daran, daß die Sache wohl oder übel durchgestanden werden muß! Was für Beschwerden? Was heißt hier, geht Sie nichts an!? Natürlich geht sie das etwas an, schließlich erleichtert das dem Herrn Doktor die Diagnose, wenn er über die Art der Beschwerden schon vorher informiert ist! Er besteht darauf! Wie sie sich das vorstellt, da könnte der Herr Doktor doch nur wenige Patienten an einem Tag schaffen, wenn er sich bei jedem erst mal eine halbe Stunde Gejammer anhören müßte! Also wirklich! So, und nun die Art der Beschwerden bitte, und zwar ein bißchen schneller, hinter Ihnen stehen noch weitere Patienten! (männliche, versteht sich!) Ah, ja, Herzbeschwerden! Lackierte Fingernägel hacken auf die Tasten des Computers ein. Gut. Setzen Sie sich noch ins Wartezimmer, gleich werden Sie aufgerufen! Halt, nein, Sie Trampel, das ist für die Privatpatienten! Sehen Sie denn das Schild nicht? Die Tür nebenan! Was heißt hier voll? Das ist für Leute, die pflichtversichert sind, gerade entsprechend! Von was sollen denn hier auch noch teure Ledersessel angeschafft werden? Bei dem bißchen Beitrag! Da kann man schließlich auch ein paar Minuten stehen, schließlich sind Sie noch jung!

    Also betritt sie das Wartezimmer für Kassenpatienten, mit leichtem Schwindelgefühl, denn die lästige Pumpe erlaubt sich gerade, jeden zweiten Schlag zu überspringen. Manchmal jeden dritten auch! Außerdem ist die Luft im Raum voll von unterschiedlichsten menschlichen Ausdünstungen, die keine Chance haben, durch das mit Topfblumen zugestellte einzige Fenster zu entweichen. Von billigem Parfüm bis zu trockenen Fürzen. Kassenpatientenfürzen, versteht sich! Ebenso voll ist der Kleiderständer. Sämtliche Versuche, ihre Jacke noch obendrauf zu packen, scheitern kläglich. Als nach dem fünften Versuch nicht nur ihre Jacke hoffnungslos wieder talabwärts gleitet, sondern noch zwei weitere, und ihr einziger Ehrgeiz nunmehr darauf beschränkt ist, diese unter den bösen Blicken ihrer Besitzer wieder an Ort und Stelle zu befördern, werden weitere Versuche unterlassen und die Jacke in die Ecke geworfen. Was unerklärlicherweise wieder böse Blicke auf sich zieht. Aber vielleicht ernten Wesen mit blaugefärbten Haaren und Sicherheitsnadeln im Nasenloch überall nur böse Blicke, kann sein! Also am Besten nicht darauf achten! Sie sucht sich eine Ecke, die noch frei ist, wo man einigermaßen den Rücken an die Wand lehnen kann und wartet pflichtschuldig. Wie alle anderen auch.

   Ihr linkes Ohr gibt leise Pfeiftöne von sich. Die Pumpe überspringt jetzt glücklicherweise nur noch jeden vierten oder fünften Schlag. Man hört irgendwann auf, so anspruchsvoll zu sein, zu erwarten, alles könnte so funktionieren, wie es sollte, und gibt sich schon zufrieden, wenn es nicht so schlimm ist, wie es sein könnte! Wenn nur diese Luft nicht so drückend wäre! Sie starrt sehnsüchtig zum Fenster hinüber. Die Scheibe ist offensichtlich ziemlich schmutzig. Mattscheibe. Jedenfalls haben Blicke ebensowenig Chancen, dieses Fenster zu durchdringen, wie Gerüche. Oder liegt das gar nicht an der Scheibe? Jetzt beginnt das rechte Ohr zu pfeifen, wie Morsesignale in kurzen Abständen. Die Pumpe stolpert einige Male heftig. Sie stützt sich an der Wand ab, merkt, wie ihr der Schweiß ausbricht. Irgendwie hat das ganze Zimmer Mattscheibe - vielleicht haben die Gerüche nebelhafte Form angenommen? Aus Not, da es zu viele für einen Raum geworden sind! Sie sollte unbedingt das Fenster öffnen, und wenn dabei sämtliche Blumentöpfe in Scherben gehen!

    Sie versucht, sich von der Wand zu lösen, aber da fällt ihr Blick auf ihren Nachbar, einen alten Mann in verwaschenen Hosen, deren Hosenbeine viel zu kurz sind, so daß sie den Blick auf gänzlich unpassende Socken frei geben. Männer und Socken! Aber das ist es nicht, woran ihr Blick sich festsaugt wie gebannt. In den Händen hält er eine schwammige rötliche Masse, die sich leicht bewegt, wie unwillkürliches Nervenflattern. Sie sieht eine Leber. Nicht mehr vom Feinsten. Der Blick des Mannes ist melancholisch auf das lädierte Organ gerichtet. Wahrscheinlich würden seine Augen ein trübes Gelb zeigen, wenn er aufblicken würde. Aber er blickt nicht auf. Dafür wandert ihr Blick jetzt wie gebannt langsam über die Menschen, die sich außer ihr noch in dem Raum befinden - wie eigenartig, aber doch wieder typisch, daß sie niemanden angesehen oder richtig wahrgenommen hat, als sie hereingekommen ist! Dann wäre ihr das alles doch schon viel früher aufgefallen! Wie konnte sie vorhin so etwas übersehen haben, es springt einem doch förmlich ins Auge: Jeder hält vor sich auf dem Schoß irgendein fleischiges Gebilde, größer oder kleiner, zum Teil nicht zu erkennen, da schamhaft die Hände darüber gehalten werden. Die Frau, die neben dem alten Mann sitzt, scheint etwas wie einen Lungenflügel in den Falten ihres Mantels - den sie wohl aus Platzmangel an der Garderobe anbehalten hat - verborgen zu halten, der sich ohne Rhythmus zusammenzieht und erweitert. Nebendran hält jemand eine Gallenblase in der Hand, mit schmerzlich verzogenem Gesicht. Gallensteine wahrscheinlich. Vielleicht sollte man ihm raten, das Ding einfach wegzuschmeißen und durch ein Neues zu ersetzen. So einfach. Wenn es nur so einfach wäre!

   Sie empfindet kein Grauen, nur ein dumpfes Gefühl von einer eigenartigen Selbstverständlichkeit. Vielleicht erreicht man im Leben irgendwann einmal den Punkt, wo einen gar nichts mehr wundert. Ein paar Leute halten Knochenteile in den Händen - was wollen die hier, die schicken sie hier ja doch nur weiter zum Orthopäden! Wahrscheinlich nur für die obligatorische Krankmeldung wegen Kreuzschmerzen! Alles auch schon selber gemacht. Standard. Und dort drüben sitzt ein fetter älterer Herr in Anzug und schief sitzender Krawatte, platzt darin fast aus den Nähten, und hält einen kleinen roten Muskel in der Hand, der hektisch auf und ab zu hüpfen versucht. Ein Leidensgenosse! Aber der sieht so nach einem typischen Herzkranken aus, zuwenig Bewegung, zuviel Eisbein mit Sauerkraut, Hefeweizen und Korn, und zuviel Chefetagenstreß. Einer, der sich sogar in seinem Benz mit Sonderausstattung bis zum Klo fahren lassen würde, wenn er durch die Tür passen würde. Und nicht jemand, der sich seine kläglichen Brötchen mit Hinternabputzen im Altersheim verdienen muß, mit chronischer Unterbesetzung und unbezahlten Überstunden. So wie sie. Aber jetzt sitzt er da, so wie sie auch (außer, daß er wenigstens wirklich einen Sitzplatz hat, der Schweinehund!), und hält dieses lächerliche hüpfende Ding in den Händen und schämt sich.

   So wie sie sich auch gleich schämen wird, wenn sie .... Sie merkt, daß sie nach der Hitzewallung jetzt ein Kälteschauer überfällt. Die berühmt-bekannte, vielzitierte Anonymität, der Grund, sich gegenseitig absichtlich nicht zu sehen, nicht anzusehen, wenn man gemeinsam in einem solchen Raum sitzen muß - wie soll man diesen Schutz aufrechterhalten, wie einfach in einer anonymen Masse untergehen können, wenn man seine Gebrechen für alle offensichtlich in den Händen hält und so der Neugier schonungslos ausgeliefert ist? So wie der Traum, in dem man plötzliche in Unterhosen dasteht, inmitten einer großen Menschenmasse und man weiß, bevor man die Chance hat, ungesehen zu entkommen, wird sich der erste umdrehen und aufmerksam werden, dann der zweite und so weiter und so fort. Sie merkt, wie langsam Entsetzen durch die seltsame Stumpfheit dringt. Dabei ist sie es doch gewöhnt, angesehen zu werden, gewöhnt, daß bissige Bemerkungen über Haarfarbe oder Kleidung fallen - ihre ganze Aufmachung schreit doch nach Beachtung, nach Auffallen! Aber nur nicht so ein dämliches, kleines, lächerliches hüpfendes Ding vor allen Leuten in der Hand halten müssen, wo es jeder sehen kann. Jeder sehen kann, was mit ihr nicht in Ordnung ist!

   In diesem Moment öffnet sich die Tür des Wartezimmers und ein Name wird aufgerufen. Der Grund, kurzzeitig anzusehen, sich flüchtig in die Gesichter zu schauen. Wer ist das? Niemand rührt sich. Die Arzthelferin wiederholt nochmals, diesmal schon etwas zögernd; der Blick auf die Karteikarte zeigt ihr, daß das Gedächtnis sie schon wieder zwischen Anmeldebereich und Wartezimmer im Stich gelassen hat; sie wiederholt jetzt richtig. Es ist ihr Name!

   Es fällt ihr schwer, sich von der Wand zu lösen. Als sie es schafft, stolpert sie über ein Stuhlbein. Sie hat das Gefühl, daß die Arzthelferin sie ziehen muß wie durch zähen Kleister. Eine Tür fällt zu, eine öffnet sich, schließt sich - nein, es ist immer noch der Flur - wie bitte, Zimmer 4? Und wo zum Teufel ... dritte Tür rechts? Rechts!! Meine Güte, rechts ist da, wo der Daumen links ist! Können Sie das nicht unterscheiden? Offensichtlich nicht, denn das Zimmer ist besetzt, eine alte, dürre Frau sitzt in der Unterwäsche auf der Behandlungsliege, vor sich ein Gebilde, dessen Herkunft gänzlich nicht mehr zu erkennen ist, so verwuchert sieht es aus. Angeekelt wirft sie die Tür wieder zu und versucht es mit der anderen Seite. Rechts ist da, wo der Daumen links ist, ganz einfach!

   Diesmal ist sie richtig, denn schon stürzt sich ein ganzer Haufen kaugummikauender blondhaariger Ungeheuer auf sie. Ausziehen bis auf die Unterhose! Sich nicht so anstellen! So, das haben wir gleich! Sie versucht zu protestieren. Schließlich will sie nicht dasitzen müssen, mit so einem lächerlichen, hüpfenden .... sinnlos. Argumente werden mit Kaugummischmatzen im Keim erstickt. Sie wäre ein Querulant. Ein notorischer Meckerer! Kein Wunder, bei der Haarfarbe, die schreit ja buchstäblich nach "Ich bin gegen alles". Wie sie sich das vorstellt, soll der Herr Doktor denn alles selber machen? Wenn die Patienten schon entsprechen vorbereitet werden, dann ist später alles ein Kinderspiel für den Herrn Doktor, liegt ja dann buchstäblich schon alles offen auf der Hand!

   Und schon ist das Ganze passiert -wie, hat sie gar nicht mitbekommen - jedenfalls bekommt sie die Ursache ihres Übels in die Hand gedrückt und wird zur Tür hinausgeschoben. Halt, halt, das geht doch so nicht - kann ich denn nicht wenigstens eine Tüte haben?! Was sie denn denkt, wenn jeder eine Tüte haben wollte? Wer soll das bezahlen? Tüten gibt's hier nur für Privatpatienten! Ja, aber ... kriege ich es denn nachher auch wieder - ich meine, richtig - ich kann jetzt doch nicht ewig so rumlaufen, mit diesem ...? Aber natürlich (mit Unterton "Wie kann man nur so eine dämliche Frage stellen"), und jetzt raus, der Nächste bitte!

   Und da sitzt sie jetzt und jeder bemüht sich, sie nicht anzustarren; obwohl es natürlich jeder insgeheim tut. Die Neugier ist inzwischen ins Bodenlose gewachsen, wie bei jedem, der aufgerufen wird und das Zimmer verläßt. Und dieses blöde Ding hüpft herum wie ein wildgewordener Frosch. Sie versucht, die Hände darüber zu legen, es zu halten und gegen die Blicke zu schützen. Wie panisch es sich aufführt! Jetzt völlig ohne Rhythmus! Du meine Güte! Das arme Ding! So sieht es also aus, so jämmerlich nackt und hilflos. Und jeder glotzt es an. Nein! Schweinehunde! Sie wird es beschützen! Mit einer Hand hangelt sie ihre Jacke aus der Ecke und wickelt es hinein. Tatsächlich beruhigt es sich jetzt ein wenig. Sie wiegt das Bündel in ihren Armen wie ein Kind. Schlaf, schlaf; die Mutter schüttelt`s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein ... oder wie ging das gleich wieder? Bloß aufhören mit dem verrückten Herumspringen, bloß nicht mehr auffallen! Sie wird es auch ganz gewiß nicht mehr ärgern mit solchen Dingen wie Koks und Alkohol, nur bitte, bitte keinen Aufruhr mehr machen!

Sie hat zuerst nicht gewagt, aufzuschauen, um nicht einem dieser verstohlenen Blicke zu begegnen. Jetzt hebt sie langsam, trotzig den Kopf, um die Blicke abzuschmettern mit ihrem einen1 Blick, mit ihrer Stärke. Schnell huschen einige Augenpaare in die Sicherheit ihrer Gesichter zurück, die sich sofort verschließen. Nur ihres verschließt sich nicht mehr. Sie erinnert sich an das alte Märchen vom kalten Herz. Darin hatte das Glasmännlein Hilfe gewußt, das Herz des armen Köhlers gegen den Spuk des teuflischen Holländermichels zu verteidigen. Das hatte ihr als Kind sehr gefallen. Und so wird sie genau dieses jetzt auch tun. Und wenn tausende von Holländermichels in diesem Wartezimmer sitzen! Leider beschränkt sich das Ganze aber nicht auf das Wartezimmer. Einer nach dem anderen wird aufgerufen, es kommen auch kaum noch Leute nach - doch, ein Herr mit grellbunter Krawatte, auch schlecht gebunden, der nach kurzer Wartezeit herausgerufen und mit einem sanduhrförmigen roten Klumpen, mehr Geschwür als Magen, in den Händen wieder hereingeschickt wird; und eine dicke Frau mit einem heulenden Kind, die panisch auf das hüpfende Ding in den Händen des Mannes mit der Managerkrankheit starrt. Sie überlegt, wer von beiden gleich sein Innenleben in die Hand gerückt bekommt, die Dicke oder das Balg; sie merkt, daß auch sie mit der Zeit sich der Neugier nicht mehr entziehen kann.

   Aber es ist abzusehen, wann sie an die Reihe kommt, wieder aufgerufen zu werden. Es ist merkwürdig, wie schnell man sich schon an die ekligen Dinger in den Händen gewöhnt hat, da es so seltsam anmutet, wie da einer nach dem anderen aus dem Sprechzimmer zurückkommt, ohne daß ihm auch noch nur die Spur anzusehen ist, nach seinem Mantel greift und - ohne aufzublicken - mit einem kurzen Gruß das Wartezimmer verläßt. Alles wieder wie vorher. Irgendwie ist es auch ganz angenehm, dieses ständig stolpernde Ding nicht mehr in sich zu haben; wie wunderbar es sich jetzt beruhigt hat, eingewickelt in ihre Jacke, warm und beschützt! Es zuckt langsam und ruhig vor sich hin, ohne ständig seinen Takt zu verlieren. Und innerlich endlich so etwas wie Ruhe! Eigentlich empfindet sie in sich drin gar nichts mehr. Eine wohltuende Leere. Was sie wohl jetzt in sich hat? Einen Stein, wie im Märchen? Oder gar nichts? Der Gedanke erschreckt sie aber doch. So weit geht dieses Gefühl der Leere nicht! Nein, es soll verdammt noch mal alles an seinen Platz zurück, wo es hingehört! Auch wenn es stolpert! Das heißt, vielleicht wird es ja gar nicht mehr stolpern. Wenn sie die Kraft hat, es zu beruhigen, indem sie es mit ihrer Jacke beschützt gegen neugierige Blicke, dann kann sie es vielleicht in Zukunft auch beruhigen, wenn sie es wieder in sich hat? Sie überlegt gerade, ob sie aufstehen und zu irgendeinem von den kaugummikauenden Ungeheuern hingehen soll und es auffordern, ihr sofort dieses Herz wieder einzusetzen, ansonsten würde es etwas ganz anderes setzen, da wird ihr Name aufgerufen.

   Ganz vorsichtig, ihre Jacke samt Inhalt in den Armen, verläßt sie das Wartezimmer. In der Tür begegnet sie noch dem müden alten Mann. Er hat jetzt nichts mehr in den Händen, aber sein Blick ist tatsächlich gelb, als er aufschaut und sie flüchtig ansieht. Gelb und müde. Zimmer 3. Zweite Tür links. Links ist da, wo der Daumen rechts ist, ja, ich weiß Bescheid! Dummer Hühnerstall! Für wie blöd halten die einen eigentlich! Und dann betritt sie das Sprechzimmer. Mit trotzigem Blick. Und ihrem Bündel im Arm.

   An seinem Schreibtisch sitzt etwas Braungebranntes, Junges, Arrogantes, Männliches. Typ Seriendoktor. Schönling. Ohne Fleischklumpen in den Händen. Dafür mit lächelndem "Nawashabenwirdennda"-Blick (obwohl es vor ihm auf seinem Computerbildschirm prangt: Herzbeschwerden). Auch das noch! Sie kocht vor sich hin, umschlingt das Bündel in ihren Armen trotzig und beschützend zugleich. Wenn ihr Vater mehr verdient hätte, als sein bißchen Arbeitsberatergehalt, und dazu vielleicht auch noch ein wenig für sie und ihre Schwester übrig gehabt hätte - vor allem an Zuneigung, anstatt für Lottoscheine und Sportschau, wenn diese ganze verdammte Familie vielleicht etwas weniger desillusioniert gewesen wäre und ihre Mutter nicht so ein phantastisches Vorbild für sinnlose Aufopferung - hätte sie vielleicht auch so etwas wie Medizin studiert, anstatt staatlich anerkannter Arschabwischer zu werden. Und es wäre sicherlich keine Mühe für sie gewesen, eine bessere Medizinerin zu werden, als dieser Lackaffe, dem Papis Geld buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht!

   Sie muß kichern. Nein, einen Fleischklumpen hält er nicht in den Händen, aber den Geldschein im Gesicht sieht man ihm bestimmt meilenweit an. Der Gedanke gefällt ihr. Jedenfalls - sie sieht ihn. Sie reckt sich ein wenig vor, um nach dem Wasserzeichen zu sehen, ob er auch echt ist. Sein Blick ist jetzt etwas irritiert. Sein berufsmäßig einstudiertes Fernsehlächeln verrutscht buchstäblich, da es nicht erwidert wurde. Keine Antwort auf seinen fachmännischen "Washabenwirda"-Blick, sondern nur ein Bündel zusammengeknautschte Jacke. Warum öffnet sie es nicht? Und was hat sie in seinem Gesicht zu suchen? Ob er wohl Pickel hat? Oder mit dem Kugelschreiber ins Gesicht gekommen ist? Oder gar einen Popel an der Nase hängen hat? Denn nach weiblicher Bewunderung sieht ihr Blick nicht aus, das zumindest versteht er auch ohne Studium. Sein unsicherer, fragender Blick, das Lächeln, das nur noch der eine Mundwinkel zustande bringt, verraten ihr seine Gedanken. Aha. kein Wasserzeichen. Er ist also nicht echt. Ein falscher Fuffziger sozusagen. Sie kichert wieder.

   Ob sie sich nicht wohl fühlt? - das war das Stichwort für den richtigen Einsatz - Ja, und überhaupt - seine Stimme hebt sich jetzt fachmännisch, zuversichtlich und männlich - was fehlt uns denn? Eigentlich seine Sache, das festzustellen. Ein Blick auf den Computer, verzweifeltes Äugen nach dem Bündel in ihren Armen. Kein "das haben wir gleich", so wie es diese Hühner so angepriesen haben. Sie schaut ihn an, immer noch direkt ins Gesicht, spürt die Leere darin, und fühlt plötzlich, wie dieses stumpfe Gefühl eigener innerer Leere langsam weicht, sich auflöst, Wärme und Leben Platz macht. Soll er sie doch mit sich nehmen, diese Leere, vielleicht ist er so etwas wie ein Sammeltopf dafür! Irgend etwas in ihr stolpert kurz, so daß sie zusammenzuckt, doch dann schlägt es fest und ruhig in seinem Rhythmus. Überspringt keinen Schlag mehr. Sie gibt ihm den Rhythmus vor. Ihren Rhythmus. Es ist zufrieden.

Sie auch. Lacht kurz auf. Ja, was u n s fehlt, das weiß ich nicht, aber mir fehlt nichts! Nicht mehr! Und sie öffnet das Bündel in ihren Armen, schleudert die Jacke aus in seine Richtung, und nichts fällt heraus, da nichts mehr darin ist. Er weicht trotzdem erschrocken zurück, im Glauben, gleich irgendeine wabbelige, glitschige Masse an den Kopf geworfen zu bekommen. und wabbelige, glitschige Massen hat er noch nie leiden können. Schon gar nicht in seinem Gesicht! Aber da ist keine glitschige Masse. Da ist nichts außer eingerissenem Jackenfutter.

   Lachend schwingt sie sich die Jacke über die Schulter und läuft zur Tür hinaus. Und zur Ausgangstür, mit einem frechen Lächeln zu den kaugummikauenden blonden Engeln hinter der Anmeldung. Dritte Tür rechts oder zweite Tür links - egal, den Ausweg findet sie immer! Dort, wo beide Daumen in der Mitte sind! Ab durch die Mitte! Irgendwo hinter sich hört sie noch eine Stimme brüllen (eine männliche!): Fräulein sowieso, bitte sofort in Zimmer 3! - aha, der Hahn im Korb rupft seine Hennen - dann fällt die Tür hinter ihr zu.


Kurzgeschichtenzurück zum Kurzgeschichtenüberblick
Die Gastropoda-Therapie nach Tütenkasperist eine weitere Kurzgeschichte von Kathrin © Kathrin Günther
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