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© Kathrin GüntherJeder in Kleinmannshausen kennt Willi Tütenkasper. Aber das ist auch kein Kunststück. In Kleinmannshausen kennt jeder jeden. Ansonsten würde ihn kein Mensch je bemerken. Willi Tütenkasper hat äußerlich nichts Auffälliges an sich. Nun, innerlich eigentlich auch nicht. Äußerlich ist er einer von den vielen, die morgens in die Straßenbahn steigen, einer von den vielen Männern im grauen Anzug, mit Aktenkoffer, korrekt gebundener Krawatte und wichtiger Miene - die darüberhinweg täuscht, daß einen eigentlich niemand für wichtig hält. Und innerlich ist er einer von den vielen, die sich bücken, wenn der Chef vorübergeht, die unsinnige Akten in unsinnige Räume schleppen und dabei schuften wie die Pferde - wenn der Chef es so möchte - und die ihre kleinen Untergebenen, diejenigen, die noch weniger wichtig sind als sie, ebenfalls unsinnige Akten in unsinnige Räume schleppen lassen. Und schuften lassen. Versteht sich.
Die Gastropoda-Therapie nach Tütenkasper
© Kathrin Günther
Zuhause, das ist für Willi Tütenkasper ein kleines Häuschen, das er von seiner Tante Frieda geerbt hat. Ein Reihenhaus. Mit nett bepflanztem Vorgarten, wo die Edelrosen in Reih und Glied stehen wie die Soldaten vor dem Buckingham-Palast. Und hinter dem Haus ist auch noch ein kleiner Garten. Der Rasen ist zwar nicht groß, aber dafür wie eine grüne Samtfläche, satt, und ohne irgendwelche störenden Farbflecke durch Unkräuter. Außen herum eine Thujahecke. Ebenfalls in Reih’ und Glied. Für die Gartenarbeit hat Willi Tütenkasper einen Polen. Schwarzarbeit. Zehn Mark die Stunde. Kann man schließlich nicht selber machen, nach all der Arbeit im Geschäft, nach all dem vielen Aktenschleppen und - schleppenlassen! Früher, da hat Willi Tütenkasper noch geträumt, von einem tollen Job, irgendwas, wo man viel verdient - und natürlich wenig arbeitet. Und einer Traumvilla, irgendwo am Mittelmeer. Heute ist Willi Tütenkasper Realist geworden. Er hat Tante Friedas Reihenhaus, einen Job, wo man wenig verdient - und viel arbeitet; und ist zufrieden. Schließlich hat man sich ein wenig mit dem Leben befaßt. Und man glaubt nicht mehr an die Wahrsagerin, die einem das große Los in der Wochenziehung prophezeit hat. Wie albern! Man hat gelernt, im Hier und Jetzt zu leben, wie Buddha es vorgemacht hat. Das war ja auch so dringend nötig, nach dem sich auf der Aura-Fotographie so schreckliche, negative Energiefelder gezeigt haben. Zum Glück gibt es dafür die Reiki-Therapie. Aura-Massage. Und die Bio-Resonanztherapie. Alles sehr effektiv, nachdem der erste Versuch mit autogenem Training leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatte - leider sah Willi Tütenkasper anstatt sich zu entspannen nur Akten an sich vorbeiwandern - und man sich bei seinen Tai-Chi-Anfängen irgendwie das Kreuz gezerrt hatte! Bewegung hat man schließlich genug, den ganzen Tag, beim Aktenschleppen. Zuviel Bewegung tut nicht gut. Auch nicht im Garten. Dafür hat man ja schließlich den Polen!
Und im Schrank stehen für jedes Ereignis des täglichen Lebens die entsprechenden Bach-Blütenmischungen. Also, was kann jemandem wie Willi Tütenkasper denn schon noch passieren?!
Es gibt eine seltsame Art von Lebewesen, die offensichtlich einmal von einem anderen Planeten gekommen sein muß. Diese Lebewesen beherrschen nämlich offenbar nicht die Spielregeln von positivem Denken und positiven Ereignissen, hervorgerufen durch die aus ersterem entstehenden positiven Energieströme! Findet Willi Tütenkasper. Denn wie kann es sonst anders sein, daß an einem verregneten Morgen, an dem ein trotz des Wetters durch und durch positiv eingestellter Willi Tütenkasper wohlgemut in Anzug und Krawatte mit Aktenkoffer bewaffnet das Haus verläßt, um Akten schleppen zu gehen, einer dieser alle Naturgesetze außer acht lassenden Kreaturen einfällt, zur gleichen Zeit auf der obersten Treppenstufe vor der Haustüre seinen Weg zu kreuzen.
Diesen Tag und auch die nächsten verbringt Willi Tütenkasper nun - heftig um seine positive Energie kämpfend - mit Gipsbein im Krankenhaus. Komplizierter Oberschenkelbruch. Im Unfallbericht - denn korrekterweise gehört der Anfahrtsweg zur Arbeit ja schon zum Arbeitsunfallschutz! - steht drin: Ausgerutscht auf einer Schnecke. Nun stelle man sich das einmal vor! Wie peinlich! Wie unheldenhaft! Wenn man wenigstens auf der Treppe der Chefetage gestürzt wäre, begraben unter einem Stoß Akten! Aber so etwas!
Der Pole bekommt den Auftrag, in Willis Abwesenheit den Garten von diesen ekelhaften Kreaturen zu säubern! Nicht auszudenken, wenn sie an die Rosen gehen! Aber jetzt kommt die zweite Härteprobe für Willi Tütenkaspers positive Energie. "Nix anfassen widerliches Viehzeug!" Der Pole verlangt eine Gehaltserhöhung auf mindestens 15 Mark pro Stunde. Sozusagen als Gefahrenzulage. Der Herr Tütenkasper müßte doch verstehen - nicht auszudenken, wenn man sich dabei mit etwas infizieren würde! Das muß Willi Tütenkasper auch widerstrebend zugeben.
Was nun, wenn jemand sich ernsthaft die Aura zerstört mit solch einem Viehzeug! Also zahlt er zähneknirschend 5 Mark drauf.
Endlich ist Willi Tütenkasper wieder zuhause in seinen vier Wänden! Aufatmend läßt er sich in den alten Ohrensessel von Tante Frieda fallen, vor sich ein Buch über Berichte eines Engelsmediums. Vielleicht steht dort etwas drin, das man gegen solche ärgerlichen Zwischenfälle, verursacht durch Zusammenstöße mit Individuen einer anderen Lebensordnung verwenden kann! Da läutet es an der Tür. Und Willi Tütenkasper spürt: Dort steht eine geballte negative Energie draußen! Und er hat sich nicht getäuscht. Es ist Frau Flickleder. "Herr Tütenkasper!", sagt sie energisch, "Ich verbitte mir ausdrücklich, daß ihr dreckiger Pole ständig widerliche, ekelhafte Schnecken über den Zaun in meinen Garten wirft! Mein ganzer Salat ist voll davon! Nehmen Sie gefälligst Schneckengift, oder wir sehen uns wieder vor dem Kadi!"
Das möchte Willi Tütenkasper natürlich nicht riskieren. Das stört eine positive Lebensführung. Solche häßlichen Dinge! Da wird man natürlich sofort etwas unternehmen! Und man bückt sich heftig, bis Frau Flickleder das Feld geräumt hat. Was für eine schlechte Ausstrahlung diese Frau hat! Damit möchte Willi Tütenkasper nicht so schnell wieder konfrontiert werden. Da muß wirklich sofort etwas unternommen werden! Also wird umgehend der Pole zusammengeschissen. Und die Gehaltserhöhung gestrichen. Offensichtlich hat dieser verdammte Mensch auch noch nie etwas von positivem Denken gehört! Und auch nicht von der Schlechtigkeit einer materiellen Einstellung. Denn er zeigt erst Willi Tütenkasper den Vogel und dann sich selber nicht wieder. Das bedeutet, daß Willi sich nun alleine mit dem Problem befassen muß.
Nach mindestens dreistündiger transzendentaler Meditation steht für ihn fest: Gegen diese Ungetüme hilft nur eine positive Einstellung! Und natürlich eine genaue Inspizierung der Treppe bei zukünftigem Verlassen des Hauses.
Nun denkt Willi Tütenkasper ja eigentlich, daß er sich weiterhin nicht mehr behelligen lassen wird von der Existenz ekliger, glitschiger Wesen voller negativer Energiefelder. Aber zum einen geistern sie von nun an nachts durch seine Träume und sind auch durch den Einsatz eines Parapsychologen nicht zu vertreiben. Zum anderen geschieht dann eines Tages folgendes: Die Nachbarin von gegenüber berichtet Willi Tütenkasper über den Zaun hinweg, was sie Ungeheuerliches beobachtet haben will: Da hat sie doch mit eigenen Augen gesehen, wie Frau Flickleder die Schnecken, die sie zuvor von ihrem Salat geklaubt hatte, über den Zaun geworfen hat in Herrn Tütenkaspers Garten! Und sie sei sich ganz sicher, daß dies auch schon vor Herrn Tütenkaspers Treppensturz geschehen sei! Damit ergeben sich für Willi Tütenkasper ganz neue Aspekte! Er sieht wieder Frau Flickleder vor sich, spürt ihre negative Ausstrahlung und ahnt die ungeheuerliche Wahrheit: Bei diesen widerlichen kleinen Kreaturen handelt es sich um völlig neutrale Wesen! Es ist Frau Flickleders negative Aura, die diese seelenlosen Kreaturen vergiftet hat und dazu gebracht hat, anderer Leute positives Denken durcheinanderzubringen! Durch Frau Flickleders Berührung haben die kleinen Dinger sich infiziert mit negativer Energie, haben sich sozusagen vollgesogen damit! Also muß dieses Problem völlig anders angegangen werden!
Willi Tütenkaspers nächste Aufgabe besteht also darin, die Unheilbringer im Garten aufzustöbern - denn er ist ganz sicher, daß sie inzwischen wieder, neu aufgefüllt mit der Schlechtigkeit der Welt, auf seiner Seite gelandet sind. Sonst würde er nicht ständig von ihnen träumen! Und tatsächlich: Im Rosenbeet wimmelt es nur so! Und auf der Gartenmauer! Und unter den Thujahecken! Es erfordert zwei weitere Stunden angestrengten Meditierens, bis sich Willi Tütenkasper sicher ist: Er spürt genug positive Energie in sich, um diesen kleinen Biestern gegenüberzutreten! Und, wie er feststellen muß, auch noch unter schwersten Bedingungen: der Pole hat offenbar die Gartenhandschuhe gestohlen, denn Willi kann sie trotz systematischen Suchens nicht finden. Also rüstet er sich innerlich zum Kampf und greift mit bloßen Händen nach einer fetten Weinbergschnecke. Die kann man ja immerhin mit zwei spitzen Fingern am Haus anfassen!
Wie sie sich krümmt in der Luft und vergeblich mit den Fühlern nach einem Halt sucht! Willi Tütenkasper packt Erbarmen mit dieser Kreatur, die so unschuldig von schlechter Energie heimgesucht worden ist. Er beschließt, den Kampf bis zum letzten auszutragen, zum Wohl der Menschheit, die ja sicherlich von diesen Experimenten profitieren wird. Und er setzt sich die Schnecke auf die Hand. Kalt und glitschig ist sie! Kalt wie der Haß von Frau Flickleder! Aber wie erleichtert sie sich festsaugt an seiner Hand. wie sie seine Wärme aufnimmt! Jetzt kriecht sie vorwärts, angefüllt mit neuer, positiver Energie, auf, zu neuen Taten! Willi Tütenkasper spürt, wie ihre Aura sich verändert hat. Und er fühlt deutlich, wie diese positive Energie sich auch wieder auf ihn zurücküberträgt, ihn überströmt mit Wärme und Kraft! Und in diesem Moment weiß Willi Tütenkasper, daß er berufen ist, der Menschheit etwas zu geben, etwas, das noch niemand vor ihm ihr geben konnte: Eine neue Therapie! D i e Therapie, die die Welt verändern wird!
Und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Überall werden Seminare angeboten für Gastropoda-Therapie. Auf den Esoterik-Messen wimmelt es von Schnecken. Die Menschen sind fasziniert von diesen unscheinbaren, kleinen Wesen, die imstande sind, so große Dinge zu tun. Die imstande sind, negative Energie aus dem menschlichen Körper zu saugen, diese von erfahrenen, ausgebildeten Therapeuten in positive Energie umwandeln zu lassen und sie in dieser Form dem Menschen zurückzugeben! Daß man es nicht schon vorher geahnt hatte - hatten denn all die Wissenschaftler geschlafen, daß es noch keiner von ihnen entdeckt hatte! Ein Wesen, das so von äußerer Wärme oder Kälte abhängig ist, muß doch auch imstande sein, positive und negative Energie zu speichern! Vorbei die Zeit der Schnecke als verpönter Plagegeist im Garten! Weltweit werden Mitarbeiter geschult als Therapeuten in dieser neuen, einzigartigen Erkenntnis. Die Seminare sind sündhaft teuer - schließlich müssen sie ja beim großen Meister stattfinden, denn niemand sonst darf ausbilden. Und die Wartelisten sind lang. Der Meister muß sich schließlich auch noch der Forschung widmen und seinen Mitarbeitern Fortbildungen anbieten können! Wie zum Beispiel die neue sensationelle Erkenntnis, was das Zwitterwesen, die androgyne Lebensweise der Schnecke ausmacht für die Therapie mit weiblicher, beziehungsweise männlicher Energie, natürlich schnellstmöglich allen ausgebildeten Therapeuten zukommen muß. Und der Meister befindet sich gerade bei neuen Forschungen über den Unterschied von Hausschnecken und Nacktschnecken bei der Therapie; denn es besteht die berechtigte Hoffnung, entweder Zustände von Klaustrophobie beziehungsweise Vagabundierens oder krankhaften Exhibitionismus durch die Gastropoda-Therapie zu heilen. Und überall sieht man in den Therapiesitzungen männliche und weibliche Individuen in den seltsamsten Posen, mit Gesichtern, die äußerste Willensanstrengung, den Ekel zu überwinden, verraten. Schnecken kriechen über jene Körperteile, die von negativen Strömungen befallen sind. Bei besonders schweren Fällen, zum Beispiel vom Typ Frau Flickleder, ist eine Ganzkörpertherapie dringend angeraten. Und trotz des Widerwillens, den viele Menschen doch bei der Prozedur zeigen, gibt es einen Haufen positiver Ergebnisse zu verzeichnen. Und einen Haufen Leute, die sich der Therapie bereitwillig unterziehen, sobald sich ihnen Gelegenheit dazu bietet. Natürlich wird vor Eigentherapie gewarnt. Denn es bedarf ausdrücklich der Erfahrung eines ausgebildeten Therapeuten, um zu verhindern, daß die Schnecken die negative Energie wieder sozusagen an ihren Absender zurück geben, was katastrophale Folgen haben würde! Man nehme nur Frau Flickleder als Beispiel! "Was soll das?", hört man sie unentwegt krähen, "blödes Gewäsch! Eklige Mistviecher! Kreisch! Runter von meinem Salat!" Und schon sieht man sie weit ausholen und etwas werfen. In den Garten des Nachbarn. Nur daß dieser Nachbar jetzt nicht mehr Herr Tütenkasper ist. Nein, der wohnt hier nicht mehr! Der wohnt jetzt in einer Villa am Mittelmeer und widmet seine freie Zeit anderen Dingen als Aktenschleppen und sich mit Polen rumärgern. Zum Beispiel Meeresschnecken. Denn möglicherweise lassen sie sich verwenden für die Behandlung von phobischen Zuständen bei Kindern vor dem Schwimmenlernen. Naja, vielleicht genügt es in diesem Fall ja auch, einfach nur den kasernenhoferfahrenen DLRG-Schwimmeister zu beseitigen, die Wasserschnecken zum Säubern des Aquariums zu benutzen und sich im übrigen die Weinbergschnecken jeden Abend zum Nachtisch servieren zu lassen. In Knoblauchsoße. Mit Champagner! Versteht sich.
Kurzgeschichten
Das kalte(?) Herz ist eine weitere Kurzgeschichte von Kathrin