See

Wörtersee, Literatur auf Seeblick

blick

 

©Hans-Jürgen See, 1.9.2001

Wir Esel



(Kathrin gewidmet, weil sie Esel so mag)

Zwischen dem Campingplatz und dem Flußlauf stand er da.

"Ist das jetzt ein Maultier oder ein Maulesel?"

Diese Frage geht mir immer durch den Kopf, wenn ich ein solches Tier sehe. Ich habe es irgendwann gelernt, in grauer Vorzeit.......

"Wenn die Mutter ein Pferd ist, ist es dann ein Maulesel? Oder ist da der Vater das Pferd? Also, wenn die Mutter eine Eselin ist und der Vater....und wie war das mit den Stalagmiten....?"
Fragen für irgendwelche Quizsendungen, aber eigentlich nicht wichtig. Weshalb zergrübelte ich mir in der aufkommenden Hitze, hier auf einer der schönsten griechischen Inseln den Kopf?

   Egal, er war ein schönes Tier, fast schwarz und: er hatte Charakter, das merkte ich sofort. Ruhig, gelassen, wie der Herr der Straße, stand er da und wartete. Als ich ihn fast erreicht hatte, lief er weiter. Mit einem gewissen Stolz und einer stoischen Gelassenheit schritt er vor mir her, wartete, ließ mich mal vor, überholte mich wieder, blieb über Kilometer der Straße mein Begleiter.

   Ich hörte ein Auto hinter mir. Das Maultier (Maulesel?) vor mir lief ganz langsam auf die Mitte der Straße, das Auto fuhr langsamer - hupte - mein Begleiter blieb stehen, das Auto auch. Mein Begleiter war die Ruhe selbst, der Fahrer des Autos eher nicht. Die Scheiben wurden heruntergekurbelt, Griechen im globalisiertem Freizeitlook blickten genervt auf das Tier, die Augen mit verspiegelten Brillen geschützt. Der Esel schien dagegen mit seiner Umgebung regelrecht zu verschmelzen und alle Zeit der Welt zu haben. Die griechischen Touristen anscheinend nicht, sie hatten ja schließlich Urlaub und wollten weiter. Sie fuhren langsam los. Mein Freund bewegte sich nicht, auch nicht, als das Auto ihn berührte. Er schüttelte nur den Kopf, als wolle er sagen:

"Mit mir nicht!"

   Ein zweites Auto nahte, auf dem Dachgepäckträger war ein riesiges Plastikschwimmtier befestigt, es war irgendwie lila, ....

"oder violett....?"

....schoß mir wieder eine jener Quizfragen durch den Kopf...Auf jeden Fall wirkte es völlig absurd, fast wie eine dadaistische Collage. Touristen, in ihrem Outfit farblich völlig auf das Plastiktier abgestimmt, stiegen aus und betrachteten schwitzend-genervt die Situation.

   Mein Freund schien die Situation richtig zu genießen, er stand da: stur! Er wurde mir immer sympathischer. Die Leute quasselten nun auf mich ein. Auf griechisch - alle gleichzeitig, ich verstand sie nicht, wollte sie auch nicht verstehen. Mir wurde klar, daß mir das Tier näher stand, als jene Menschen, die der Zeitgeist völlig im Griff hatte: keine Zeit, kein Geist.

   Ein Handy spielte "für Elise"
Ich hatte das Stück in einer besseren Version in Erinnerung. Der Besitzer, dessen Gesichtsfarbe sich mit der Zeit farblich vollkommen seinem Plastiktier auf dem Autodach angepaßt hatte und dessen Schädel eben so aufgeblasen wirkte, blökte irgend etwas in sein Hightechgerät, lief aufgescheucht auf der Straße herum, glotzte auf das Mobiltelefon, schrie hinein
- da ließ mein Freund einen Schrei los, der es in sich hatte.

   Der Handyman verlor seinen letzten Nerv, einen normalen Telefonhörer hätte er wohl auf die Gabel geschmissen, aber was tun mit diesem modernen Kleinstgerät? Wohin mit der Wut? Platzen? Er entschied sich spontan für wildes Herumfuchteln, die anwesenden Frau für schrilles sirenenhaftes Schreien, Kinder für nerviges Heulen und Quengeln.

Mein Freund war der einzige der seine Würde nicht verloren hatte. Er beschloß, nun weiter zu gehen.

   Die Autos brausten davon, wir hatten die Straße für uns. Wir liefen dann noch ein Stück den Flußlauf hoch, dann ging er irgendwann zu den anderen Mulis, die irgendwo im Schatten der riesigen Platanen standen.

"Tschüss"
rief ich ihm nach
"du stehst mir irgendwie näher als mein eigener Bruder.."

Ob es eine Mischung aus Mensch und Esel gibt? Ich spürte etwas eselhaftes in mir, etwas Stures, Widerspenstiges, dieses jetzt-erst-recht, wenn jemand unbedingt etwas von mir will, diese ohne-mich-Haltung!

   Es war noch früh am Morgen, niemand war unterwegs, ich konnte in Ruhe an die Wasserfälle wandern, dort baden, ausruhen, vor mich hin träumen.

   Auf dem Rückweg kamen mir Menschenmassen entgegen, Ziegenherden gleich, immer dem Leitbock folgend meckerten sie schrill und lauthals vor sich hin. Und jeder Leitbock fragte mich etwas, auf griechisch. Ich wollte nichts verstehen...Der fünfte oder sechste versuchte es auf Englisch...wie weit es denn noch bis zum Wasserfall sei? Ich antwortete:

"Maybe 15 minutes!"

Er verstand 50, war entsetzt, die Ziege neben ihm meckerte nervös, blickte flehend ihr Leittier an, wäre am liebsten umgekehrt. Ich sagte:

"D'emberasi",
was so viel wie "ist doch egal" heißt, und lief weiter.

   Dem Nächsten erzählte ich, daß es 50 Minuten dauert, dem Übernächsten, daß es 50 Minuten dauert und daß man klettern müsse. Es wurden immer mehr Menschen. Eine Herde von ca. 10 Leuten rutschten einen Hang herunter, das Gemecker wurde immer schlimmer. Ich war kurz davor, nervös zu werden.

   Da sah ich meinen Freund wieder. Täuschte ich mich, oder grinste er mir entgegen?

Egal, die Esel in uns verstanden sich prächtig!





 

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