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So lebt eine Maximiliane-Kristin

©Dana


   Es war Freitag. Ich kam gerade aus dem Geschäft, ging mit endlos langweiligen Schritten den kurzen Fußweg bis nach Hause. Schneeflocken hatten sich in mein Haar gebettet, ich schüttelte viele weiße Pünktchen von meinem Mantel. Stieg die Stahltreppe hoch. Es war kurz nach sechs. Ich stieß die Glastür auf, ein Schwall von Bier und Zigaretten schlug mir entgegen. Ein Kloß entstand in meinem Hals, ich versuchte so wenig wie möglich zu atmen. Udo lag auf dem Sofa, diesem braunen alten Stoffungeheuer, das überall aufzuplatzen begann. Bierflaschen hatte er neben sich gesammelt, drehte gerade eine Zigarette. Er grüßte mich kurz. Ich ging zum Fenster, um es zu öffnen. "Meinst du ich will mir hier meinen Arsch abfrieren, du Miststück?!" Ich drehte meinen Schritt und gehorchte. Wenn er getrunken hatte, sollte man keine Diskussionen mit ihm beginnen. Mama war sicher einkaufen, hoffte ich zumindest, als mir die gähnende Leere im Kühlschrank meinen Hunger unfreiwilligerweise verschlug.

    Ich ging nach nebenan. Hier war mein Zimmer. Naja, eigentlich gehörte es mir nicht allein. Ich musste es mit Moritz und Didi teilen. Meinen Geschwistern. Aber eigentlich nur noch mit Didi. Ich wollte es nie wahrhaben, aber Mo hat sich von uns getrennt. Er wohnte jetzt bei seiner Freundin. Kam nur noch selten her und wenn blieb er nicht lange. Ich hasste sie. Sie nahm mir das weg, was mir immer so wichtig gewesen ist. Mo war immer der wichtigste Mensch in meinem Leben, mein Halt, mein Vertrauter. Und nun kam er nicht mehr. Ich fühlte mich verraten und betrogen.

   
Meine Gedanken über meinen Bruder ließ ich fallen, als ich polternde Treppenschritte hörte und das Gesicht meiner Mutter hinter der Glastür zu erkennen war. Ich ging ihr entgegen und öffnete ihr. Bepackt mit Tüten und Taschen hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange und bahnte sich einen Weg in die Wohnstube. Ich folgte ihr. Sie übersah die Bierflaschen, Zigarettenrauch nahm sie kaum noch wahr und ich war mir nicht sicher, ob sie Udo eigentlich wahr nahm.

    Endlose Hektik sei in der Stadt gewesen, berichtete sie. Aber vor Weihnachten sei das wohl normal. Für mich war das noch nie normal gewesen, dass vor dem angeblichen Fest der Ruhe und des Friedens in unser aller Leben stets ein derartiger Stress entstand. Ein eindeutiger Widerspruch in sich! Gemeinsam sortierten wie die Einkäufe in Regale und Kühlschrank. "Es gibt Bratkartoffeln mit Spiegelei." rief sie. Rief sie lauter, als dass diese Worte allein für mich bestimmt waren. Doch Udos Antwort, wenn er überhaupt eine gegeben hatte, ging im Sirenengeheul aus dem Fernsehen unter.

    Eine Stunde später kam Didi nach Hause. Wir saßen bereits am Küchentisch und Udo herrschte sie an, ob sie denn nicht mal zum Essen pünktlich sein könne. Aber Didi ließ sich von Udo ihre gute Laune nicht nehmen. Immer war sie gut gelaunt. "Hi Sissi! Alles easy?" sie puffte mir in die Seite. Ich wollte nicht, dass sie mich so nannte. Eine Ableitung von Sister. Leider interessierten Didi nur selten die Bedürfnisse anderer und so war ich seit langem auch für viele unserer Freunde einfach nur noch Sissi. Manchmal denke ich sogar, dass Sissi auch nicht schlechter sein konnte als Maximiliane-Kristin. Das mochte ich nämlich auch nie. Ich mochte Maxi, so nannte mich jedoch niemand.

    Nach dem Essen ging ich ins Bad. Als ich wiederkam, war Didi bereits umgezogen, schnappte ihre Tasche und fragte, ob ich später auch noch bei Sven vorbeikäme. Hätte sturmfrei und alle würden sich heute da treffen. Ich versprach es mir zu überlegen. Schon war sie im Dunkel hinter der Glastür verschwunden.

    Ich half Mama noch beim Abwasch. Komisch, dass mir gerade heute auffiel, wie schwielig und alt doch ihre Hände wirkten, die sie flink in die schäumende Brühe tauchte um kurz darauf einen Teller in den gelben Plastikkorb neben dem Becken zu stellen. Dabei war sie erst zweiundvierzig...

    Während wir gemeinsam die Reste unseres Abendessens beseitigten, fragte sie mich wies denn ginge im Geschäft. "Gut" antwortete ich mechanisch. Was sollte ich sonst sagen. Ich wollte nicht, dass sie sich schon wieder Sorgen machte. Konnte ihr unmöglich erzählen, dass meine Arbeit mich anwiderte, dass ich sie nur tat, um nicht schon wieder nichts zu tun. Meine vierte Lehre war das jetzt. Hatte bereits länger durchgehalten als sonst, aber ich spürte, dass es dennoch schlimmer war als je zuvor. Was mich immer wieder hochzog war die Schule. Da gab es einen Jungen. Ich kannte ihn kaum, aber er ließ die Schmetterlinge in meinem Bauch immer so schön hüpfen. In seiner Nähe fühlte ich mich jedoch immer beklommen. Die Schmetterlinge schienen meine Stimme zu blockieren. Selten unterhielt ich mich mit ihm und wenn, dann trug ich in meinen Gedanken noch Tage später dieses Bild von seinem Grübchenlachen mit mir. Mit Tommy hatte ich noch nie Schmetterlinge im Bauch.

    Gegen halb elf verließ ich die Wohnung. Ich mochte das Bild, das der Schnee ins Dunkle der Nacht malte. So machten mir die zwanzig Minuten Fußweg zu Sven auch nichts aus. Eigentlich hatte ich eh keine große Lust hinzugehen. Ich hasste das Wochenende genauso wie jeden Wochentag, an dem ich zur Arbeit gehen musste. Es lag immer so endlos vor mir. Und es war immer gleich. Wir trafen uns irgendwo und feierten. Egal was, irgendeinen Grund gab es immer und wenn es keinen gab dann feierten wir eben den.

    Ich klingelte bei "Sander", es surrte, die Tür öffnete sich, egal für wen. Ich stieg die alte Holztreppe hoch in den zweiten Stock. Die Wohnungstür auf der linken Seite war geöffnet, ich hörte Stimmen, viele Stimmen, die wie ein Schwarm Bienen durcheinandersurrten, hörte Lachen und hörte noch mehr, was man eigentlich nur sehen kann. Ich wurde nett begrüßt. Die Luft stand im Raum, trotz gekippter Fenster war es heiß und stickig. Ich legte meinen Mantel auf den Stoß anderer Jacken auf den Tisch und suchte mir einen Platz auf einer der Matratzen am Boden. Fast wäre ich über eine Flasche gestolpert, man musste hölllisch aufpassen, wo man hintrat.

    Ich holte mir ein Bier. Tommy war auch da. Er redete mit Susanne und tat unheimlich wichtig. Ich verspürte ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Nach einer halben Stunde kam er und setzte sich zu mir, vertrieb Biber, mit dem ich mich gerade am unterhalten war. Er küsste mich mit einer bleiernen Bierfahne. Ich fühlte wie seine Zunge aufgeregt meine Mundhöhle durchforstete, spürte wie sehr er mich wollte. Er hatte aufgehört mich zu küssen, ein Joint machte gerade die Runde. Wir zogen beide daran. Und ich fragte mich still, welche Träume wir uns von ihm erhofften.

    Die Zeit verging rasch, die Flaschen auf dem Boden konnte bald keiner mehr zählen. Aschenbecher quollen über, es war egal. Keinen störte es. Keinen störte auch, dass mich Tommy ins Bad entführte. Er war betrunken und geil. Ich ließ mich ein auf einen Quickie. Tommy kam schnell und japsend. Hatte das bekommen, wonach er suchte. Ich richtete meinen Slip, zog meine Hose hoch, drehte den Schlüssel in der Tür nach offen und ging hinaus. So hatte er es am liebsten. Er wollte nie zu viel von meiner Nähe. Das machte ihn wütend. Ich fragte mich, ob es mir früher noch was ausgemacht hat, ob ich mich früher benutzt gefühlt hatte. Ich konnte mich nicht erinnern. Ich musste an Mama und Udo denken. Angst erfüllte mich, als ich fühlte, dass ich Mama heute zum ersten Mal irgendwie verstand.

    Der Samstag war immer unendlich öde. Früher hatte ich mir gewünscht mit Tommy mal etwas zu unternehmen. Nichts Großartiges, dazu fehlten uns beide die Mittel. Aber etwas Verrücktes, einfach so. Aber er meinte immer wir könnten ja nicht ständig aufeinander hängen, das mache unsere Beziehung auf Dauer kaputt. Ich versuchte ihn anzurufen. Sprach ein paar Worte auf seinen AB. Vielleicht rief er zurück und hatte etwas Zeit. Udo war nicht da. Wenn er weg war, fühlte ich mich wohler. Lange schon hatte ich mir vorgenommen Mama zu fragen, ob sie mit ihm glücklich ist. Irgendwie traute ich mich nicht. Aber ich bemerkte schließlich, dass sie nachts fast immer alleine schlief. Udo pennte in der Regel vor dem Fernseher ein. Ob sie wohl noch miteinander schliefen?

    Heute hätte ich Mama auf ihre Beziehung mit diesem Mann ansprechen können. Udo war unterwegs und Didi hatte sich seit gestern nicht blicken lassen. Ich schaffte es nicht. Ich ärgerte mich über meine Feigheit. Gegen halb zwei warf ich mir meinen Mantel über und machte mich auf den Weg in die Stadt. In der Vorweihnachtszeit hatten die Geschäfte auch Samstags lange auf. Ich wollte sehen, ob ich noch ein paar Geschenke fand. Lustlos schlenderte ich durch die Läden. Im großen Kaufhaus sah ich eine Jeans, die mich begeisterte. Wovon sollte ich sie mir leisten, die Geschenke fraßen mein Geld restlos auf, wenn es auch nur kleine waren. Trotzdem probierte ich sie. Sie sah gut aus. Ich hatte es schon öfter mit Kleinigkeiten probiert, immer Glück gehabt. Außerdem war die Hölle los. Schon wanderte die Hose in meine Tasche. Den Pullover, den ich pro forma mitgenommen hatte, hängte ich brav an seinen Platz zurück. Dann verließ ich den Store mit klopfendem Herzen. Draußen atmete ich tief ein und rannte bis nach Hause, rannte so schnell ich konnte und schaltete jedes Gefühl ab. Verbot mir ein Nachdenken über mein Verhalten. Redete mir ein ich sei schließlich eine Bedürftige. Jetzt war nicht mal Mama zu Hause, ich war alleine. Ich ging ins Bad und musste wieder kotzen. Ich erbrach und saß dann mit pochenden Schläfen neben der Toilette. Hatte es nicht mal geschafft die Spülung zu tätigen. Sauer wurde die Luft in dem kleinen Bad. Ich presste meinen Kopf gegen die grünen Fließen. Gleich darauf fühlte ich mich besser, eine Art Befreiung durchzog meinen gesamten Körper. Nahm mir meine Anspannung, machte mich so unendlich frei. Ich spülte meine Sorgen, meine Ängste die Toilette hinunter. Dann ging ich ins Wohnzimmer. Weil Udo nicht da war, setzte ich mich vor den Fernseher und genoss es mein Programm selbst entscheiden zu können. Ich hatte ein schlechtes Gewissen bei meinem Wunsch, dass er am besten nie mehr zurückkommen soll.

    Weihnachten war wie immer. Weihnachten war nämlich so, wie ich es mir nicht wünschte. Ich fühlte die Liebe und die Ruhe dieses Festes bei uns leider nie. Niemand wollte mit mir zur Mette gehen. Wir aßen gemeinsam, verteilten die Geschenke. Zwischendurch rief Moritz an und wünschte uns allen schöne Feiertage. Er teilte uns mit, dass sie nicht rüberkommen dieses Jahr. Anna musste sich schonen, der Arzt hatte ihr absolute Bettruhe verordnet, in ihrem Zustand.

    Nach dem Essen stürmte Didi sofort hinaus. Udo blockierte mal wieder den Fernseher, sah sich einen Film an, der ihn eh nicht interessierte. Ich saß mit Mama in der Küche. Ich fühlte irgendwie, dass sie dieselben Gedanken bewegten wie mich. Ausgesprochen hätte sie diese jedoch nie. "Weihnahachten ist doch immer wieder etwas Besonderes, nicht wahr, Maxi..." sagte sie stattdessen. Und obwohl sie nicht ehrlich war, wurde mir warm ums Herz.

    13.10.2001 dana, gewidmet: eFaL



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Hans-Jürgen See E-Mail
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