Alles war ein gleichmäßiges Rauschen. Der Regen, der Herbstwind, die
vorbeifahrenden Autos und irgendwo in der Nähe war eine Dachrinne verstopft. Das
Wasser, das dort überlief, hörte sich an wie ein Bach.
Sie waren beruhigend, diese Geräusche. Es wurde jetzt schon früh dunkel, aber es
war auch romantisch. Die Regentropfen funkelten im Laternenschimmer. Und aus den
Gullys stieg leichter Nebel auf. Die Schaufenster waren bunt beleuchtet und unter
den Vordächern der Geschäfte war es halbwegs trocken. Ricarda stand vor einem
solchen Geschäft und genoß diesen Abend, so wie er war. Sie fühlte eine gewisse
Euphorie in sich aufsteigen und war in diesem Moment richtig glücklich. Sie
schlenderte gemütlich weiter und besah sich die Dinge, die die Schaufenster zu
bieten hatten.
Vor einer Boutique blieb sie stehen und bewunderte ganz fasziniert ein
schwarz-rotes Kleid. Ein enges rotes Kleid, welches umgeben war von schwarzem
durchsichtigen Stoff. Es war teuer, das würde sie sich nicht so einfach kaufen
können. Dafür mußte sie schon zwei Monate sparen. Dann wäre es richtig kalt, und
dieses Kleid nicht warm genug. Aber das nächste Frühjahr kommt und dann könnte
sie es anziehen. Könnte sie es anziehen...?
Sie dachte, daß sie es sich immer noch überlegen könnte, und zog weiter.
Dann kam
sie an eine Spielothek. Sie ging hinein und sah sich die ganzen bunten und
flimmernden Automaten an. Ricarda holte sich einen schwarzen Kaffe am Automaten.
Hier war alles mit Automaten besetzt. Die Getränke, Gummibärchen, Chips, selbst
Geld wechseln konnte man nur an Automaten. Und spielen sowieso. Überwacht wurde
das ganze automatisch mit Videokameras. Es war nicht viel los, denn es war ja
mitten in der Woche und die meisten Leute arbeiten ja, erinnerte sie sich.
Ricarda trank ein paar Schlucke von ihrem heißen Kaffee. Es tat gut nach dem
Regen und dem Wind. Aber das fiel ihr erst auf nachdem sie getrunken hatte.
Draußen hatte sie es als angenehm empfunden. Sie besah sich die Spielautomaten,
ihr Lieblingsspiel war nicht mehr da. Aliens abschießen, dieser Spielautomat
hatte Maschinengewehre mit Granatwerfern gehabt. Ob er kaputt war?
Sega, Sega, Sega, es war zum kotzen, Sega hatte die ganze Spielothek im Griff.
Die guten alten Spiele, sie waren alle verschwunden. Tetris, das konnte sie auch
zu Hausen spielen. Ricarda vernahm einen leichten Knall, ein Flipper. Also
beschloß sie zu flippern. Weiter hinten standen eine ganze Reihe Flipper. Aber an
welchem sollte sie spielen? Terminator - weg! Indianer Johnes - weg! Dr. Dude -
weg! The Mashine - auch nicht mehr da.
Ricarda warf einen Fünfer in einen Autorennflipper, der war so schnell, daß ihr
fast jeder Ball gleich raus ging. Sie trat dagegen. TILT! Naja, war sowieso der
letzte Ball. Anschließend warf sie noch einen Fünfer in den Fun House, der war
nicht so schnell. Aber der rechte Flipper funktionierte nicht. Ricarda stand da
und wollte es einfach nicht glauben. Sie sah sich um, niemand nahm von ihr Notiz.
Früher hatte so eine Spielhalle noch Angestellte, die einem das Geld zurück gaben
in so Fällen wie diesem. Clever, echt Clever, dachte Ricarda. Sie schüttete den
Rest ihres Kaffees auf den Flipper und sah zu wie er langsam auf der schrägen
Scheibe nach unten lief. Dann spuckte sie noch an die Scheibe, wo die Punkte
gezählt werden.
Anschließend verließ die den Laden. Niemand schien bemerkt zu
haben, was sie tat. Die Leute waren gar nicht anwesend, sie waren völlig in der
Welt der Computerspiele. Aber das kannte Ricarda ja auch.
Wieder draußen, im Regen. Sie stand da, ließ den Regen auf sich nieder fallen und
spürte den Wind in ihrem Gesicht. Welch ein Unterschied zu dieser Maschinen- und
Computerwelt! So lebendig, so völlig anders. Diese Welt besaß Gefühle und
Empfindungen. Ricarda fühlte sich viel besser als in der Spielhalle. Sie ging zu
einer Bushaltestelle, wo sie nicht naß wurde, setzte sich auf eine Bank und holte
ein Päckchen Schwarzer Krauser aus der Jackentasche. Ganz genüßlich drehte sie
sich eine mitteldicke Zigarette und steckte sie sich an. Dann lehnte sie sich auf
der Bank zurück und beobachtete ein wenig die Autos auf der Straße. Ihr fiel der
tanzende Regen vor den Scheinwerfern auf und die Lichter der Stadt, die sich auf
der nassen Straße spiegelten. Sie fühlte sich wieder recht glücklich.
Nachdem sie
die Zigarette aufgeraucht hatte stand sie auf und lief noch ein Stück an den
Schaufenstern entlang. Ein Computergeschäft- das Schaufenster war gespickt mit
den neuesten Modellen und jeder Menge Spiele. Ricarda hätte auch gern so einen
modernen Computer gehabt. Sie mit ihrem Cī64, war doch auf die Dauer etwas
primitiv. Aber ob sich ein so teurer Computer für sie lohnt? Sie ging weiter und
überlegte sich, daß es Quatsch wäre alle angelegten Dateien neu anzulegen. Das
würde Monate in Anspruch nehmen, Monate, mehrere Monate... .
Nein, sie liebte ihren Cī64 ja und spielen kann man auch noch auf dem Amiga. Was
machte sie sich hier eigentlich für Gedanken?
Ricarda beschloß nach Hause zu gehen, sie hatte Hunger und wollte nicht schon
wieder Doener oder BigMac essen. Und außerdem wollte sie was rauchen. Und um
23.00 war immer Nick Knight-Zeit. Wie jeden Donnerstag in den letzten Wochen. Die
Donnerstage früher waren ganz anders... . Aber was solls, dachte Ricarda, diese
Zeiten sind sowieso vorbei. Und sie war auch nicht gerade traurig drum. Sie ließ
die Geschäfte und die Autos hinter sich und bog in eine kleinere Nebenstaße ein.
Der Straßenlärm nahm langsam ab, und Ricarda genoß die Ruhe. Nur der leichte
Regen war zu hören und der Wind, wie er in den Bäumen rauschte. Im gelb werdenden
Laub. Sie dachte an das letzte Wochenende mit ihren Freundinnen. Sie hatten ihren
30. Geburtstag gefeiert. Es war ein sehr schöner Abend. An ihrem letzten
Geburtstag... ?
Sie bog rechts ab und stand vor ihrer Haustür. Schloß auf und stand im Hausgang.
Es fiel auf sie herab, machte klick, und umgab sie wie ein Käfig, Ihre Welt.