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Wörtersee, Literatur auf Seeblick

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Der Kampf

© Christine Dittmer, Herbst 1995
(Chris ist im Juli 1996 im Alter von 30 Jahren gestorben)

     Alles war ein gleichmäßiges Rauschen. Der Regen, der Herbstwind, die vorbeifahrenden Autos und irgendwo in der Nähe war eine Dachrinne verstopft. Das Wasser, das dort überlief, hörte sich an wie ein Bach. Sie waren beruhigend, diese Geräusche. Es wurde jetzt schon früh dunkel, aber es war auch romantisch. Die Regentropfen funkelten im Laternenschimmer. Und aus den Gullys stieg leichter Nebel auf. Die Schaufenster waren bunt beleuchtet und unter den Vordächern der Geschäfte war es halbwegs trocken. Ricarda stand vor einem solchen Geschäft und genoß diesen Abend, so wie er war. Sie fühlte eine gewisse Euphorie in sich aufsteigen und war in diesem Moment richtig glücklich. Sie schlenderte gemütlich weiter und besah sich die Dinge, die die Schaufenster zu bieten hatten.


     Vor einer Boutique blieb sie stehen und bewunderte ganz fasziniert ein schwarz-rotes Kleid. Ein enges rotes Kleid, welches umgeben war von schwarzem durchsichtigen Stoff. Es war teuer, das würde sie sich nicht so einfach kaufen können. Dafür mußte sie schon zwei Monate sparen. Dann wäre es richtig kalt, und dieses Kleid nicht warm genug. Aber das nächste Frühjahr kommt und dann könnte sie es anziehen. Könnte sie es anziehen...? Sie dachte, daß sie es sich immer noch überlegen könnte, und zog weiter.


     Dann kam sie an eine Spielothek. Sie ging hinein und sah sich die ganzen bunten und flimmernden Automaten an. Ricarda holte sich einen schwarzen Kaffe am Automaten. Hier war alles mit Automaten besetzt. Die Getränke, Gummibärchen, Chips, selbst Geld wechseln konnte man nur an Automaten. Und spielen sowieso. Überwacht wurde das ganze automatisch mit Videokameras. Es war nicht viel los, denn es war ja mitten in der Woche und die meisten Leute arbeiten ja, erinnerte sie sich. Ricarda trank ein paar Schlucke von ihrem heißen Kaffee. Es tat gut nach dem Regen und dem Wind. Aber das fiel ihr erst auf nachdem sie getrunken hatte. Draußen hatte sie es als angenehm empfunden. Sie besah sich die Spielautomaten, ihr Lieblingsspiel war nicht mehr da. Aliens abschießen, dieser Spielautomat hatte Maschinengewehre mit Granatwerfern gehabt. Ob er kaputt war? Sega, Sega, Sega, es war zum kotzen, Sega hatte die ganze Spielothek im Griff. Die guten alten Spiele, sie waren alle verschwunden. Tetris, das konnte sie auch zu Hausen spielen. Ricarda vernahm einen leichten Knall, ein Flipper. Also beschloß sie zu flippern. Weiter hinten standen eine ganze Reihe Flipper. Aber an welchem sollte sie spielen? Terminator - weg! Indianer Johnes - weg! Dr. Dude - weg! The Mashine - auch nicht mehr da. Ricarda warf einen Fünfer in einen Autorennflipper, der war so schnell, daß ihr fast jeder Ball gleich raus ging. Sie trat dagegen. TILT! Naja, war sowieso der letzte Ball. Anschließend warf sie noch einen Fünfer in den Fun House, der war nicht so schnell. Aber der rechte Flipper funktionierte nicht. Ricarda stand da und wollte es einfach nicht glauben. Sie sah sich um, niemand nahm von ihr Notiz. Früher hatte so eine Spielhalle noch Angestellte, die einem das Geld zurück gaben in so Fällen wie diesem. Clever, echt Clever, dachte Ricarda. Sie schüttete den Rest ihres Kaffees auf den Flipper und sah zu wie er langsam auf der schrägen Scheibe nach unten lief. Dann spuckte sie noch an die Scheibe, wo die Punkte gezählt werden.


      Anschließend verließ die den Laden. Niemand schien bemerkt zu haben, was sie tat. Die Leute waren gar nicht anwesend, sie waren völlig in der Welt der Computerspiele. Aber das kannte Ricarda ja auch. Wieder draußen, im Regen. Sie stand da, ließ den Regen auf sich nieder fallen und spürte den Wind in ihrem Gesicht. Welch ein Unterschied zu dieser Maschinen- und Computerwelt! So lebendig, so völlig anders. Diese Welt besaß Gefühle und Empfindungen. Ricarda fühlte sich viel besser als in der Spielhalle. Sie ging zu einer Bushaltestelle, wo sie nicht naß wurde, setzte sich auf eine Bank und holte ein Päckchen Schwarzer Krauser aus der Jackentasche. Ganz genüßlich drehte sie sich eine mitteldicke Zigarette und steckte sie sich an. Dann lehnte sie sich auf der Bank zurück und beobachtete ein wenig die Autos auf der Straße. Ihr fiel der tanzende Regen vor den Scheinwerfern auf und die Lichter der Stadt, die sich auf der nassen Straße spiegelten. Sie fühlte sich wieder recht glücklich.


     Nachdem sie die Zigarette aufgeraucht hatte stand sie auf und lief noch ein Stück an den Schaufenstern entlang. Ein Computergeschäft- das Schaufenster war gespickt mit den neuesten Modellen und jeder Menge Spiele. Ricarda hätte auch gern so einen modernen Computer gehabt. Sie mit ihrem Cī64, war doch auf die Dauer etwas primitiv. Aber ob sich ein so teurer Computer für sie lohnt? Sie ging weiter und überlegte sich, daß es Quatsch wäre alle angelegten Dateien neu anzulegen. Das würde Monate in Anspruch nehmen, Monate, mehrere Monate... . Nein, sie liebte ihren Cī64 ja und spielen kann man auch noch auf dem Amiga. Was machte sie sich hier eigentlich für Gedanken? Ricarda beschloß nach Hause zu gehen, sie hatte Hunger und wollte nicht schon wieder Doener oder BigMac essen. Und außerdem wollte sie was rauchen. Und um 23.00 war immer Nick Knight-Zeit. Wie jeden Donnerstag in den letzten Wochen. Die Donnerstage früher waren ganz anders... . Aber was solls, dachte Ricarda, diese Zeiten sind sowieso vorbei. Und sie war auch nicht gerade traurig drum. Sie ließ die Geschäfte und die Autos hinter sich und bog in eine kleinere Nebenstaße ein. Der Straßenlärm nahm langsam ab, und Ricarda genoß die Ruhe. Nur der leichte Regen war zu hören und der Wind, wie er in den Bäumen rauschte. Im gelb werdenden Laub. Sie dachte an das letzte Wochenende mit ihren Freundinnen. Sie hatten ihren 30. Geburtstag gefeiert. Es war ein sehr schöner Abend. An ihrem letzten Geburtstag... ? Sie bog rechts ab und stand vor ihrer Haustür. Schloß auf und stand im Hausgang. Es fiel auf sie herab, machte klick, und umgab sie wie ein Käfig, Ihre Welt.



 

Hans-Jürgen See E-Mail
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