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Der ewige Hausmeister




Ein unheimlicher Reisegefährte

©Bertram Nisseler

   Zärtlich strich die Musik durch ihre Ohren. Susanne saß im Auto und hörte Radio. Die Ampel war auf Rot, sie konnte sich entspannen. In ihrem Wagen war Stille, außer der Musik: ein Klavierkonzert von Rachmaninov. Zur Zwangspause setzte passend eine ruhige Passage ein, verlangsamte die Zeit um sie, ließ den Radfahrer, der sich zwischen den Autoreihen nach vorne drängte, wie in Zeitlupe an ihrem Wagen vorbeischweben, sogar seine langen Haare flatterten im Takt der Musik. Vor ihr überquerten Menschen die Straße, schnell gehend, wie sich die meisten in der geschäftigen Stadt bewegten, konterkarierten sie die Musik, das störte Susanne.

Immer muß alles schnell gehen, keine Zeit für Nichts, kein Raum ohne Inhalt, kein Weg ohne Ziel - so war diese Stadt, dieses Land. Immer in eine Richtung ohne Auszuruhen, Faulheit war Sünde, Versagen nicht erlaubt, alles hatte seine Richtigkeit, da gab es keine Zweifel; Kritik war immer positiv, solange sie nicht an die Grundsätze rührte, dann wurde sie übersehen, totgeschwiegen oder mit falschen Argumenten totgeschlagen.

Einzig hier wurde die auslöschende Kraft des Todes geduldet. Doch er selbst war kein Thema mit dem man Quote machen konnte, weder in den Medien noch im Leben, über ihn gab es nichts zu diskutieren, nichts zu deuten, sein Platz war fest in den Köpfen der Menschen in die hinterste Reihe verband. Bald würde seine ärgerliche Tatsache ganz abgeschafft werden, durch die Gentechnologie, die Nanotechnologie oder irgendeine andere Technologie, die bestimmt noch geschaffen werden würde, zum Wohle der Menschheit, in ihrem Kampf gegen die Natur der Kreatur, die Vergänglichkeit des Körpers. Erfolge gab es in allen Bereichen der Technik, nichts schien unmöglich; was noch nicht Zuwege gebracht werden konnte, dafür mußte nur noch ein bisschen geforscht, einige Informationen zusammengetragen und einige Daten noch ausgewertet werden: Eine kleine Reihe von Versuchen noch und schon bald würden auch auf die Letzten Fragen die Antworten gefunden werden. Doch die Letzten Fragen hatten schon lange aufgehört Fragen zu sein, die man sich im Leben stellen durfte, vor Fremden zumindest. Nur vor sich selbst, bei guten Freunden oder in der Intimität der Familie durfte gezweifelt, gehofft und gejammert werden.

Im offiziellen Leben waren die Fragen nach dem Sinn, der hinter all den fortschrittsgläubigen Aktionen steckte, und nach dem letzten Ziel, auf das sie zustrebten, schon lange verboten, wie sollte man auch anders existieren in einer Welt, die nur auf das Jetzt ausgerichtet war, die den Himmel auf die Erde geholt hatte und mit ihm auch die Hölle, doch letztere lag außerhalb des Gesichtsfeldes der Reichen, ihre Schrecken sah man nur gefiltert durch die Medien, als abgeschwächte Bilder des Grauens, durch die Wohnzimmer geistern, eine dunkle Ahnung von der Wankelmütigkeit des Schicksals hinterlassend, die auch einmal ihre hungrigen Finger nach den reichen Ländern ausstrecken könnte. In den Städten der Prosperität glaubte man fest an die Schmiedbarkeit seines eigenen Schicksals. Die Hohenpriester dieses Glaubens waren Technokraten, die mit pragmatischem Rüstzeug auf alle Fragen, welche die Natur oder die Kultur in der Lage zu stellen waren, eine angemessene Antwort zu finden glaubten. Doch es blieb die ärgerliche Tatsache des Todes, als ein Scheitern am Leben, das an jedes Menschen Ende stand - noch zumindest.


   All diese Gedanken trieb, die in ihrem Tempo sich jetzt steigernde Musik, wie eine Schar Bienen durch Susannes Kopf, während sie gleichzeitig losfahren mußte, der grünen Farbe wegen. Die Ampel hatte sie wieder ins Rennen geschickt, zurück ins Busineß und sie war gut im Rennen: nach acht Semestern ihr Diplom in Betriebswirtschaftslehre, internationale Erfahrungen durch ein Jahr Aufenthalt in der USA, beste Referenzen und zwei Fremdsprachen - fließend natürlich - versteht sich von selbst.

Alle Schilder wiesen nach oben, viele Türen standen ihr offen, alles schien möglich. Sie war jung, voller Energie und zu allem Überfluss auch noch sehr hübsch: Die Götter mussten es gut mit ihr gemeint haben. In einer sehr reichen Familie geboren, liebevolle Eltern, glückliche Kindheit und alles, was sie in die Hand nahm, war mit Erfolg gesegnet. In einer Woche würde sie heiraten, natürlich ihre große Liebe, darin bestand weder für sie noch für jemand anderen ein Zweifel. Wenn es einen Glücksstern gab, dann strahlte er besonders hell über dieser jungen Frau.

   Warum aber, und vor allem woher, kam dieser wirre Gedanke an den Tod, diese Kritik, am Glauben an die Zukunft? Susanne konnte sich keinen Reim darauf machen. Sie fuhr im fließenden Verkehr ihrem Hotel entgegen. Ein langer Arbeitstag ging zuende. Sie war Müde. Vielleicht war dies die Erklärung, für die schweren Gedanken, die weder zu dem hellen Sommertag noch zu Susannes Gemüt passten. Nie hatte sie so ernsthaft über den Tod nachgedacht, so wie ein alter Mensch, für den das Sterben die Abstraktheit der jugendlichen Gedanken schon längst verloren hatte.

Vor lauter Grübeleien hatte sie jetzt auch noch die Abfahrt verpasst, das kam selten vor, immer war sie konzentriert und aufmerksam, ihrer Arbeit und auch ihrer Umwelt gegenüber.

- "Warum habe ich die Ausfahrt verpasst?",

fragte sie sich verwundert selbst.

- "Damit du mit mir gehen kannst",

hörte sie eine Antwort aus dem Fond des Wagens. Zu Tode erschrocken schaute sie in den Rückspiegel. Sie kannte die schlimmen Geschichten von Verbrechern, die sich im Auto verstecken, um Frauen zu auszurauben oder gar zu vergewaltigen, doch dieser Typ sah nicht wie ein Verbrecher aus. Er wirkte furchteinflößend und lächerlich zugleich.

   Ja, es war der Tod, der bei ihr im Auto saß, darüber war sie sich klar. Vor einer Stunde hätte sie jeden für Verrückt erklärt, der ihr dies so prophezeit hätte, doch jetzt wußte sie es genau - es war der Tod, ihr Tod? Sie hatte kein Angst, was sie sehr erstaunte, eine Vergewaltigung fände sie jetzt viel schlimmer. Sie betrachtete ihren Fahrgast sehr genau, wunderte sich über die große Sense, die kaum in ihren Wagen passte und die Verkleidung der Wagendecke gefährlich ritzte.

In seinem schwarzen Umhang, die Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass sie nur die Umrisse desselben ahnen konnte, saß der Tod auf dem Rücksitz und sagte nichts.

- "So habe ich mir mein Sterben nicht vorgestellt",

sagte sie zu der stummen Gestalt.

- " Warum bin ich nicht mehr überrascht und warum habe ich keine Angst und warum muss ich überhaupt sterben: Ich bin doch noch so jung und gesund?"
- "Warum, warum?",

äffte die dunkle Erscheinung ihre Fragen nach.

- "Alle stellen mir ständig Fragen. Ich möchte es einmal erleben, dass nur ein einziger Mensch mit mir geht ohne mich so überflüssiges Zeug zu fragen. Wie satt habe ich diese Fragerei, auf die ich nicht einmal eine Antwort geben kann, denn ich bin nur der Tod und bei mir hören alle Fragen auf."
- "Aber ich dachte immer bei dir fängt das Fragen erst an. Was kann man denn als Mensch mehr machen als Fragen zu stellen, was nach dir kommt? Ich wollte dich nicht langweilen, aber schließlich sterbe ich ja nicht jeden Tag und woher sollte ich also wissen, wie man mit dem Tod so umgeht, vor allem mit seinem eigenen Tod."
- "Ist ja schon gut. Ich bin nur schlecht gelaunt. Heute morgen musste ich einen Priester holen und die sind manchmal - nicht immer, aber eben manchmal - besonders schwierig. Sie wollen immer auf dem direkten Weg in den Himmel, als ob ich ein Taxifahrer wäre, dem man nur sein Fahrtziel angibt und dann wird man bequem dorthin gebracht, aber das ist nicht meine Aufgabe, wohin die Reise geht bestimmen weder sie noch ich."
- "Wer bestimmt es dann und wohin geht meine Reise? Sei mir nicht böse, aber wie du vielleicht verstehen kannst, ist das für mich nicht ganz unwichtig" -
- "Deine Reise geht sehr weit, in die Unendlichkeit."
- "Ach das reimt sich sogar. Ist das einer von deinen Standardsprüchen, die du so aufsagen musst, wenn du deine Kunden abholst?",

während sie dies sagte, glaubte sie ein Funkeln unter der Kapuze wahrzunehmen.

- "Nein, ich habe keine Standardsprüche und für eine Frau die Brustkrebs hat, bist du ziemlich vorlaut, also sei endlich still und bereite dich vor es geht gleich los." - "Wie Brustkrebs? Davon müsste ich eigentlich ja wissen. Ich habe keinen Knoten in der Brust, wenigstens keinen spürbaren und wenn ich den Tumor nicht einmal spüren kann, wieso muss ich dann daran sterben? Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr."
- " Wurde bei dir nicht heute Brustkrebs diagnostiziert und du willst dich jetzt aus Verzweiflung im Auto umbringen."
- "Nein! Natürlich nicht! Was soll der Blödsinn, werde ich jetzt auch noch vom Tod persönlich verarscht!?",

schrie Susannes etwas ungehalten ins Wageninnere. Von dort kam keine Antwort. Die schwarze Gestalt saß wieder stumm auf den blauen Ledersitzen.

- "Wenn das so weitergeht, fahre ich aus Wut doch noch mit dem Auto an die Wand. Wieso sagst du nichts mehr. Ich will endlich wissen wie es jetzt weitergeht, ich habe ja schließlich nicht den ganzen Tag Zeit?"
- "Dränge mich nicht so. Ich muß zuerst überlegen. Da muß wohl ein Irrtum vorliegen."
- "Das glaube ich auch!",

sagte Susanne zu ihrem Führer ins andere Leben.

- "Susanne Müller, so ist doch dein Name? Geboren bist du am 13.04.73 in München?", fragte sie der Tod, der seinen Irrtum immer noch nicht einsehen wollte. "Ja, das stimmt fast, bis auf den Vornamen, ich heiße nämlich Susanne Maria Augustine Müller."
- "Maria Augustine? Davon weiß ich nichts. Ich soll nur eine Susanne Müller abholen."
- "Das ist ja noch schöner und weil es ja fast keine Müller in Deutschland gibt, schnappst du dir eben mal die erstbeste, die dir in den Kram passt."
- "Ein bisschen mehr Respekt vor dem Tod bitte. Wenn Du schon seit tausenden von Jahren dieselbe Arbeit machen würdest, dann hättest du bestimmt auch mal einen Fehler gemacht und es ist wirklich mein erster Fehler, den ich in all den langen Jahren gemacht habe, deswegen weiß ich jetzt auch nicht so auf die Schnelle, wie es weitergehen soll. Niemand von den Lebenden darf mich je sehen, aber wenn du die Falsche bist, kann ich dich nicht einfach mitnehmen. Ich bin ja schließlich kein Mörder!"

Das letzte hatte Susanne nicht ganz verstanden. Dafür aber spürte sie die Traurigkeit in seiner Stimme. Sie wollte ihn ein bisschen trösten und sagte deshalb:

- "Wir werden das schon wieder hinbiegen, da habe ich schon ganz andere Probleme gelöst. Kopf hoch, und ein Fehler in tausenden von Jahren ist doch wirklich eine tolle Quote. Können wir nicht einfach die ganze Sache vergessen? Ich erzähle niemanden davon, sag mir einfach wo ich dich absetzen kann und dann gehen wir auseinander, als ob nichts geschehen wäre. "

Seine Stimme verlor ihre Traurigkeit.

- "Wo du mich absetzen kannst. Das hat mich noch nie jemand gefragt.",

antwortete er ihr, schon fast belustigt. -

- "Ja wieso nicht. Machen wir es nicht zu kompliziert. Soll ich dich irgendwo aufs Land fahren? In der Stadt fällst du mit deinem Outfit als Sensenmann zu sehr auf. Zuletzt könnte dich die Polizei noch wegen ‘Erregung öffentlicher Ärgernis’ einsperren."
- "Ja, ich war immer schon ein öffentliches Ärgernis.",

sagte der Tod daraufhin mehr zu sich selbst als zu Susanne.

- "Über mein Aussteigen musst du dir keine Sorgen machen. Ich komme und gehe, wie es mir beliebt, heimlich und unerwartet. Das Problem ist: Du hast mich gesehen und jeden der mich gesehen hat, muss ich mit auf die Reise nehmen - Fehler hin oder her. Da gibt es nichts zu rütteln."
- "So ein Blödsinn!"
, schrie Susanne ihm zu, jetzt richtig in Rage. Vor Empörung vergaß sie sogar den Blick auf die Fahrbahn, sodass sie gefährlich auf den Gegenverkehr zusteuerte.

- "Schau gefälligst auf die Straße! Willst du uns umbringen!"

rief der Tod zurück. Susanne korrigierte ihre Fahrt und nahm das Gespräch etwas beruhigter wieder auf:

- "Das ich sterben muß ärgert mich nicht so sehr, wie der Gedanke, dass dieser Tod ein Versehen ist und außerdem möchte ich nächste Woche heiraten. In meinem Leben war alles in Ordnung, bevor du mit deinem Chaos in mein Auto gestiegen bist. Und murmle nicht so vor dich hin, ich kann dich nicht verstehen. Was hast du zum Schluss noch gesagt?"
- "Neben den Priestern sind mir zänkische Frauen die schlimmsten Reisegäste." - "Ach, ich bin zänkisch. Wer hat den den Fehler gemacht und wer soll nun die Suppe auslöffeln! Denk gefälligst nach, wie wir beide ungeschoren aus der Sache herauskommen."
- "Ich habe eine Idee", sagte der Tod, "mit auf die Reise nehmen muß ich dich, wie ich schon sagte, aber nirgendwo steht geschrieben wie lange die Reise dauern muß und ob sie nicht ab und zu unterbrochen werden kann, also werde ich dich immer wieder besuchen und wir gehen dann ein Stück des Weges zusammen, bis zu dem Tag, an dem ich dich dann ganz mitnehmen werde."
- "Die Idee ist nicht schlecht", sagte Susanne, "mich stört nur der Gedanke, dass ich dann nie weiß, ob du nur zu Besuch kommst oder ob du mich mitnehmen willst und den endgültigen Termin meiner irdischen Abreise, wirst du mir bestimmt nicht nennen können oder dürfen, vermute ich mal."
- "Da liegst du richtig. Wir können so verfahren, dass immer wenn ich nur zu Besuch komme, dann lasse ich meine Sense zurück. Erst am letzten deiner Tage, werde ich dich mit ihr aufsuchen, um deinen Lebensfaden abzuschneiden."

Das hörte sich vernünftig an. Susanne war damit einverstanden und auch dem Tod schien diese Abmachung zu gefallen, konnte er doch einfach nur mal so zu Besuch auf die Erde kommen, ohne gleich eine Spur von Leid und Trauer zu hinterlassen. So trennten sich die beiden Reisegefährten, um wieder ihren eigenen Geschäften nachzugehen.

© Bertram NisselerE-Mail an:



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